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Archiv der Kategorie: Buchbesprechungen

Familie und rote Pest

Familie und rote Pest

Buchbesprechung zu:

„Denunziation“ – Erzählungen aus Nordkorea

von Bandi („Glühwürmchen“ – Deckname)

Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Mit einem Vorwort von Thomas Reichart

Piper Verlag 2017 – Originalausgabe erstmals 2014 in Seoul

220 Seiten

Es ist schon etwas Besonderes, ein Buch in Händen zu halten, dessen Autor sterben würde, wenn sein richtiger Name auf dem Cover gedruckt würde. Der Sterben würde, wenn nicht die Hände, durch die das Manuskript gegangen ist, die Namen der in den Erzählungen erwähnten Orte noch einmal abgeändert hätten. Das sind die Realitäten, mit denen ein Schriftsteller, der in Nordkorea seine Gedanken frei äußert, konfrontiert ist.

Doch Nordkorea ist uninteressant. Medial nehmen wir es kaum wahr. Im kollektiven Gedächtnis bleiben drei Dinge haften. Die Berichte einer schweren Hungersnot in den 90er Jahren und die lange Weigerung der Regierung des Landes, Hilfsleistungen des Auslands anzunehmen. Bis heute weiß niemand wieviel tausend Menschen dabei zu Grunde gegangen sind. Dann sehen wir die über zwei Meter hohen Statuen Kim Il-sungs und Kim Jong-ils in der Hauptstadt Pjönjang. Vor ihnen werden Blumen niedergelegt und Menschenrücken beugen sich andächtig. Und als drittes schwebt das feiste Gesicht des aktuellen Diktators Kim Jong-uns durch den Äther, wenn er mal wieder einen erfolgreichen Waffentest verkündet, den die UNO zwar kategorisch verurteilen muss, aber die Welt doch ob der Lächerlichkeit mit einem Schulterzucken abtut. Ein dickes, großes Kind mit überdimensionalem Spielzeug. Das ist jenes Nordkorea unserer Wahrnehmung. Wir verbinden es nicht mit den 20 Millionen Menschen, die dort leben; leben müssen.

Jene Lücke unserer Herzenswahrnehmung vermag das Buch „Denunziation“ von Bandi zu schließen. Wer innerlich nachvollziehen möchte, wie es ist, unter der letzten tiefroten Diktatur dieses Planeten zu leben, findet in den sieben Geschichten die Verbindung zu den Menschen Nordkoreas. Tatsächlich ist der Autor ein „Glühwürmchen“, ein winziges Licht, kaum in der Lage die Nacht zu durchdringen und doch fällt es ins Auge und erregt Aufmerksamkeit. Seine Momentaufnahmen der erzählten Einzelschicksale berühren ohne zu bedrücken. Mit poetischer Leichtigkeit vermag der Schreiber uns die grausamen Strukturen einer geschlossenen Gesellschaft zu vermitteln. Jede Erzählung enthält in ihrem Kern einen dichterischen Vergleich, der einen Aspekt des Lebens unter dieser Diktatur verdeutlicht.

Sämtliche Geschichten wurden Anfang bis Mitte der 90er Jahre verfasst. Sie liegen in ihren Schilderungen also schon ein wenig zurück, dürften aber immer noch ein aktuelles Bild zeichnen. Achtung „Spoiler“ – im Folgenden deute ich den Inhalt der einzelnen Erzählungen an. Es erscheint mir notwendig, um den Kern der Sache herauszuschälen.

In „Die Stadt der Gespenster“ werden wir nach Pjönjang mitgenommen. Seit zwei Monaten bereiten sich eine Million Menschen auf den Nationalfeiertag vor. Doch der Himmel will es offenbar nicht, denn schweres Unwetter geht über der Stadt nieder. Sintflutartiger Regen macht es unmöglich, auf dem großen Platz die geplante Aufstellung in Menschen-Blöcken zu nehmen. Doch eine Diktatur kennt kein Erbarmen. Als der Regen aussetzt, erschallt durch die überall angebrachten Lautsprecher – genannt das „Dritte Programm“ (wir fühlen uns sehr stark an Orwells 1984 erinnert!) – der Befehl, in einer dreiviertel Stunde bereit zu sein. Tatsächlich leisten eine Million Männer und Frauen unbedingten Gehorsam. Sie treten an und die Feierlichkeiten finden wie geplant statt. Eine unheimliche Macht ist das. Dieselbe Macht, die am gleichen Tag eine der Familien aus Pjönjang verbannt. Eine Mutter und ein Vater haben es nicht geschafft, ihrem zweijährigen Sohn die Angst vor den großen Portraits von Marx und Kim Il-sung auszutreiben. Er schreit und weint und bekommt Anfälle, wenn er die überdimensionalen Gesichter dieser Männer sieht. Für ihn sind sie schreckliche „Eobis“, riesige Monstergestalten aus Geschichten (eine Art Godzilla, der alle Häuser überragt). Und dieser Eobi ist es, der dann die Familie zur Strafe aus der Stadt auf das Land vertreibt. Von treuen Genossen werden sie zu Feinden degradiert, denn die Verderbtheit des Kindes spricht für die verdorbene Haltung der Eltern. So einfach ist es in einer Diktatur. Die Feindschaft wird vererbt. Tanzt ein Familienmitglied aus der Reihe, ist das Zeichen dafür, dass auch alle anderen nicht treu und ergeben sind. Sie müssen verbannt werden. In die Provinz oder schlimmer noch ins Arbeitslager. (Ja, es gibt Kinder, die in jenen Zwangslagern geboren werden und sie bis zum Tag ihres Todes nicht verlassen!)

Der „Eobi“, das Monstrum, als Sinnbild einer grausam verurteilenden Diktatur. Und sie funktioniert. Jedes Haus hat einen Blockwart oder eine Blockwartin, die Meldung machen. Die Angst treibt die einzelnen Bewohner an, sich gegenseitig zu bezichtigen, wenn in einer Familie etwas anders ist als in den anderen. Wenn sie eine Stunde zu lang die Vorhänge schließen oder zu seltsamer Zeit der Rauch des Kochfeuers aufsteigt. Alles verdächtig. So erhält und kontrolliert die Gesellschaft Nordkoreas sich selbst durch ein dichtes Netz aus Angst und Denunziation.

In „Irya Madya, Schatzpferd!“ spielt eine große Schatzulme die Hauptrolle. Sie steht für den Tag, an dem der Mann, der sie gepflanzt hat, in die Partei eingetreten ist. Sie verkörpert all die Hoffnungen auf Unabhängigkeit von der Japanischen Besatzungsmacht, Hoffnung auf eine reiche Zukunft, die man sich durch Treue und Fleiß für sich und die nachfolgende Generation erarbeitet. Jener Tag, an dem der Mann Irya Madya erkennt, dass das alles nur ein Trugbild war, ist der Tag, an dem die Ulme fällt und er selbst stirbt. Das System vernichtet Existenzen. Es frisst seine treusten Diener und Arbeiter. Ein unbedachtes Wort genügt dafür. Ja eine einzige zur falschen Zeit geweinte Träne genügt und wird als Verrat gewertet. Ein Volk ist angehalten, auf Befehl zu lachen und zu weinen.

In „Die Flucht“ schreibt ein Mann seinem Freund einen Brief, in dem er ihm die Gründe darlegt, aus denen er sich zur Flucht aus Nordkorea entschlossen hat. Er selbst stammt aus einer Familie, die vom Staat als feindlich eingestuft wurde, weil sein Vater aus Versehen eine Anpflanzung Reis hat eingehen lassen. Seine Frau stammt aus einer staatstreuen Familie. Heimlich verhütet sie, denn sie will kein Kind in diese grausame Welt setzen. Ein Kind, das von Anfang an per Gesetz (ja, es gibt einen Paragrafen 149, der dies festlegt!) als Staatfeind eingestuft ist. Im Laufe der Geschichte erleben wir eine innige, ergreifende Liebesgeschichte, voller Hingabe und Selbstaufopferung. Wir erkennen die Kehrseite der grausamen Realität, in der die Menschen gezwungen sind zu leben. Sie rücken nahe zueinander. Familie ist alles für die Nordkoreaner. Eine Ehe, in der man sich aneinander festhält und Kinder, denen man sich erbarmend und liebevoll zuwendet. Immer wieder spielt das in den Erzählungen die alles überstrahlende Rolle.

In „So nah und doch so fern“ versucht ein Mann eine Reisegenehmigung zu erhalten, weil er seine im Sterben liegende Mutter aufsuchen möchte. In Nordkorea herrscht keine Bewegungsfreiheit. Jede Reise muss beantragt werden. Ein kranker Verwandter in einer anderen Region ist für den Staat kein Grund, eine Ausnahme zu machen. Aus Verzweiflung über die dreimalige Ablehnung seines dringenden Ersuchens macht sich der Sohn illegal auf. Nur einige Schritte entfernt von seinem Heimatdorf wird er aufgegriffen. Die Strafe für sein Vergehen sind zwei Wochen Arbeitslager, aus denen er abgemagert und voller Läuse zu seiner Frau zurückkehrt, nur um dort zu erfahren, dass seine Mutter inzwischen verstorben ist. In dieser Geschichte wird der Wert der Familie noch einmal überdeutlich. Treue zur Familie überwindet die Angst vor dem strafenden System. Die Menschen reden sich gegenseitig als „Mutter von…“, „Vater von…“, „Tante von…“ oder „Onkel von…“ an. Sie betonen die Eltern-Kind-Beziehung. Das ist es, was den Menschen ihren Halt gibt, was sie leben lässt inmitten aberwitziger Regulierungen.

In „Pandämonium“ haben wir die kuriose Geschichte einer alten Frau, die ihren Mann und das Enkelkind auf dem Bahnhof zurücklässt, um sich zu Fuß auf den Weg zum Haus ihrer Tochter aufzumachen. Alle Züge stehen still, weil das Staatsoberhaupt reisen will. Auch auf den Straßen ist es verboten zu gehen. Die alte Frau wird vom Konvoi des Staatschefs abgefangen und dazu genötigt, die Gnade der Mitfahrgelegenheit anzunehmen. Während sie den Luxus des gepolsterten Autos unter Zwang in Anspruch nimmt, werden ihr Mann und die Enkeltochter in einer ausbrechenden Panik unter den seit Tagen wartenden Reisenden verletzt. Auch hier ist wieder die Familie der Mikrokosmos, in dem der Einzelne Trost, Geborgenheit und auch Vergebung findet.

In „Die Bühne“ fällt ein Schauspieler in Ungnade des Systems, weil er während einer Improvisation eine 23-jährige Kollegin scherzhaft zum Mitspielen aufruft und ihre seit 23 Jahren geschulte Fähigkeit des Schauspielerns lobt. Der Konflikt über diesen Ungehorsam wird in die Familie des jungen Mannes getragen. Es kommt zu einem erbitterten Streit zwischen dem intelligenten und klarblickenden Sohn und dem systemtreuen Vater. Letztlich muss auch der Vater erkennen, dass ganz Nordkorea eine Bühne ist, auf der das Volk ein Schauspiel aufführt. Es ist die Zeit der dreijährigen Staatstrauer um Kim Il-sung (er stirbt 1994, bleibt aber der „Ewige Präsident“ und wird weiter verehrt wie ein Heil bringender Messias). Die Menschen legen Jeden Tag Blumen vor den Gedenkaltären überall im Land nieder. Ihre Besuche werden protokolliert, darum gibt es bald in keinem Garten mehr eine Blüte. Die Menschen ziehen in die Berge und pflücken unter Einsatz ihres Lebens Wildblumen, um nur nie aus der Trauerrolle zu fallen. Wer keine Tränen vergießt, verurteilt sich selbst.

In „Der Rote Pilz“ schließlich wird das Leben eines Mannes beleuchtet, der in den beginnenden Zeiten von Knappheit und Hunger alles versucht, um wie ihm befohlen wurde, neues Land urbar zu machen. Das Wetter vernichtet, was er geschaffen hat. Das System kann die Schuld dafür nicht auf sich nehmen, darf aus Propagandazwecken keine Fehler zugeben. Die Verurteilung trifft den Mann. Um ihn beiseiteschaffen zu können, wirft man ihm auch vor, eine Frau mittels roter Pilze fahrlässig vergiftet zu haben. Im Moment seiner Verurteilung blickt der Mann auf das rote Parteigebäude und murmelt sein eigenes Urteil, nämlich dass der rote Pilz überall ausgerottet werden müsse. Dass er damit die Ideologie des Marxismus/Sozialismus meint, ist allen Beteiligten nur zu deutlich. Am Ende sind es seine Kinder, die laut schreiend hinter dem Wagen her rennen, der ihren Vater abtransportiert.

Das Zusammenspiel von poetischen Vergleichen für die Grausamkeit des Staatssystems und der Geborgenheit und Fürsorge der Familie, macht die Lektüre von „Denunziation“ zu einem erträglichen Erlebnis. Sicher gehen einem die Einzelschicksale zu Herzen, man empfindet am Ende jeder Erzählung echte Empörung und Wehmut. Dennoch kann man sich der sanften Menschlichkeit und der schlichten Schönheit der Geschichten ebenso wenig entziehen. Man empfindet Achtung vor den Menschen, man versteht sie besser, warum es so unmöglich ist, sich gegen den roten Kult aufzulehnen. Und dass es eine Menge Mut und Treue kostet, Selbstaufopferung und Hingabe, um die eigene Familie zu schützen. Es ist für die meisten nicht möglich, in ein besseres Leben nach Südkorea zu flüchten, weil sie damit ihre Angehörigen in höchste Gefahr bringen. Ist ein Familienmitglied ungehorsam, so leiden alle anderen dafür. Die Liebe der Menschen zueinander wird als Waffe gegen sie gerichtet, um ihren Gehorsam zu sichern.

Das ist der wiederkehrende Kern aller Grausamkeiten in jeder Art von Diktatur: Menschen durch ihre eigene Liebe und Güte zu zwingen und zu vernichten. Darum bewegt das Buch und darum gehört es in das allgemeine Gedächtnis. Als Erinnerung daran, dass wir zwar über einen fetten und feisten Jungen lachen, wenn er alberne Spiele vorführt, doch hinter den Grenzen dieses abgeschotteten Landes 20 Millionen Menschen ihre Tränen nach innen weinen müssen, wenn sie ihre Lieben schützen wollen.

„Es war einmal ein Dorf, das von dreißig Meter hohen Hecken umgeben war. Darin lebte ein Zauberer, für den Millionen von Bediensteten arbeiteten. Das Verwunderliche daran war, dass aus dem Dorf nur Gelächter nach draußen drang. Die Leute lachten ununterbrochen und zu jeder Jahreszeit, da der alte Zauberer sie durch einen Fluch zum Lachen zwang. Warum hatte er sie dazu verdammt, ohne Unterlass zu lachen? Das war seine Art, vor der Welt draußen zu verschleiern, dass er seine Bediensteten unterdrückte, und die Leute glauben zu machen, die Dorfbewohner seien immer glücklich. Er hatte die hohen Hecken wachsen lassen, damit die Bewohner der umliegenden Dörfer nicht hineingehen und sehen konnten, was wirklich passierte. Kannst du dir das vorstellen? Selbst wenn die Bediensteten des alten Zauberers vor Schmerz und Traurigkeit weinten, verwandelten sich ihre Schluchzer sofort in Lachen. Kann es einen Zauberspruch geben, der grausamer ist? Und dieses Dorf, kann es einen Ort geben, der schrecklicher ist?“  (S. 145 – Frau Ohs Märchen)

 

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Der Schmerz des hinausgezögerten Endes

Der Schmerz des hinausgezögerten Endes

Buchbesprechung zu:

Eine Handvoll Staub“ (Originaltitel: „A Handfull of Dust“)

Erstausgabe 1934

Diese Ausgabe:

Diogenes Verlag, 2017, Übersetzung aus dem Englischen von pociao, 344 Seiten

Und wieder habe ich ein ruhiges Wochenende darauf verwendet, Evelyn Waugh zu begegnen. Seine Werke eignen sich hervorragend dafür, an zwei regenreichen Tagen in einem Rutsch gelesen zu werden. Sie bereiten Vergnügen und jeder Roman schafft es, die Leserschaft zu überraschen, auch wenn der Stil des Autors sonst hinlänglich bekannt ist.

Der Verlag Diogenes ist eigentlich immer sehr stilsicher und treffend in der Gestaltung von Buchcover und Klappentext, doch führt die Kurzbeschreibung dieses Mal leicht in die Irre. Evelyn Waugh wird gerne beworben, indem man die komischen, bissig-ironischen Elemente seiner Werke betont. Nun, das ist sein Markenzeichen, trifft aber in sehr unterschiedlichem Maße für die einzelnen Romane zu.

Mit „Eine Handvoll Staub“ befinden wir uns in jener tristen Zeit der 30er Jahre, bevor die Welt erneut in den Abgrund eines wahnsinnigen Krieges stürzt. Waughs Geschichten aus dieser Zeit sind nicht mehr so herrlich absurd wie zum Beispiel „Verfall und Untergang“ oder „Lust und Laster“, die sich auf die goldenen Zwanziger beziehen. Auch der gesetzte, menschenfreundliche Zynismus der 40er nach dem Krieg stellt sich noch nicht ein. Die Romane der 30er Jahre spiegeln am deutlichsten den Kulturpessimismus Waughs wider, sein Bedauern über den unvermeidlichen Verfall und Umbau der wohlgeordneten, britischen Gesellschaft.

Waughs Romane sind zudem stets eng mit seiner eigenen Biografie verknüpft. 1929 endet die Ehe mit Evelyn Gardner, 1930 konvertiert Waugh zum Katholizismus. Ab 1933 bemüht er sich um die Annullierung seiner Ehe durch die katholische Kirche, weil er erneut heiraten und eine Familie gründen möchte. Vor diesem Hintergrund sind einige Inhalte des Romans „Eine Handvoll Staub“ sehr viel nachvollziehbarer.

Wir begegnen einem ungleichen Traumpaar. Lord Tony Last ist ein bemühter Gentleman und seinem Haus und Gut „Hetton Abbey“ treu verpflichtet. Wie so oft verrät der Name des Mannes in Waughs Roman auch etwas über das Wesen seines Trägers. Last übersetzt sich etwa: „überdauern“, „andauern“ oder als Nomen „der Letzte“. Diese Doppeldeutigkeit ist bewusst. Tony Last bemüht sich um den Erhalt des Anwesens und des Namens der Familie, um Fortbestand der Dinge wie sie seit Generationen Tradition sind. Und doch schwebt die Ungewissheit über ihm. Finanziell ist „Hetton Abbey“ mitsamt den Angestellten gerade eben zu halten. Tonys Frau Brenda ist vor allem wunderschön und charmant und gelangweilt. Nicht einmal ihr 7jähriger Sohn John Andrews braucht sie mehr. Wie es in diesen Kreisen üblich ist, kümmert sich eine angestellte Nanny um ihn. Die Dialoge des Paars sind humorvoll bis liebevoll, aber auch schmerzhaft oberflächlich, ganz zu schweigen von der fehlenden Ehrlichkeit. Man vermeidet es schicklich, das gemeinsam vereinbarte Eheglück durch das Ansprechen unterschiedlicher Ansichten und Wünsche leichtfertig zu torpedieren.

Unnötig zu sagen, dass solch eine Geschichte nicht gut gehen kann. Das amüsante Geplänkel nimmt ein baldiges Ende. Der geneigte Leser schmunzelt und lacht, bis ihm die Mundwinkel in Überraschung und Melancholie wieder herabsinken. Wobei auch die Katastrophe wieder ihre ganz eigene Komik hat, denn Brenda legt sich einen Liebhaber zu. Jetzt kommt der typische Waugh-Kniff. Wir haben ein wunderschönes Weib, das in vollen Zügen einem lasterhaften Leben frönt, während der gehörnte Ehemann nichts ahnt und den stillen Dulder all der Kapriolen seiner Frau gibt. Sie nimmt sich eine Wohnung in London, geht auf Partys, studiert Wirtschaft, lässt ihn Wochen, ja fast Monate allein. All das nimmt Tony Last mit übermenschlicher Geduld in Kauf.

Der Höhepunkt der Katastrophe kann nicht schlimmer sein. (Achtung Spoiler!). Der gemeinsame Sohn, dieses seltsame Kind, das in seinen naiv-frechen Äußerungen einen erschreckend absurden Spiegel dieser zerbrechenden Welt abgibt, kommt ums Leben. Natürlich ganz klassisch und herrschaftlich bei einem Reitunfall auf einer Jagdgesellschaft. So übel es den geneigten Leser / die geneigte Leserin trifft, noch übler ist, was folgt. Denn keiner kann aus seiner Haut. Tony Last stürzt sich ohne Tränen in eine pflichtbewusste Geschäftigkeit der Dinge, die eben in einem solchen Fall zu regeln sind. Und Brenda, ja sie gibt ein derart erbärmliches Beispiel moralischer Verkommenheit ab, dass man fast schon Mitleid mit ihr haben möchte. Als man ihr mitteilt: „John ist tot.“ Denkt sie zuerst, dass ihr Liebhaber desselben Vornamens verunglückt sei. Als man es ihr dann erklärt, entfährt ihr ein „Gott sei Dank!“ Im nächsten Augenblick wird ihr bewusst, welche Ungeheuerlichkeit sie sich geleistet hat. Sie bricht in Tränen aus. Tränen sehr viel mehr über sich selbst als über den Sohn.

Noch ein weiteres Mal kommen Tränen in diesem Roman vor. Tony Last weint aufgelöst in Selbstmitleid, als er nach dem angestoßenen Scheidungsverfahren gegen seine Frau im Dschungel des Amazonas von Fieberschüben geplagt wird. Parallel dazu weint Brenda über den Verlust ihres Liebhabers und ihre Mittellosigkeit, die eine Scheidung ihr einbringen wird. Ja, verdientermaßen sinkt Brenda in die Bedeutungslosigkeit und verdientermaßen bleibt Tony im Amazonasgebiet verschollen. Passivität, Gleichgültigkeit und Blindheit haben den gemeinsamen Sohn und die Zukunft getötet. Ein unbedeutender Zweig der Familie Last übernimmt das Anwesen und versucht, es durch rigorose Sparmaßnahmen und Fuchszucht zu retten.

Es gibt nur zwei Personen, die in der Geschichte erfolgreich überdauern. Der verschlagene, unanständige Reitmeister des Anwesens „Hetton Abbey“, der sich als einziger Angestellter dort halten und geschickt unersetzlich zu machen weiß. Und die Mutter von Brendas Liebhaber, Mrs. Beaver (Bieber in der Übersetzung, sie schlägt ihre gierigen Zähne tatsächlich überall hinein). Sie macht ein Vermögen, indem sie den gut betuchten Mitgliedern der englischen Gesellschaft unnötige Verschönerungen und Modernisierungen ihrer Wohnstätten verkauft. Das ist die neue Welt der Verschlagenheit und des Strebens nach Gewinn. Sie löst die alte, wohlgeordnete Welt der Stände mit ihren jeweiligen Privilegien und Ehrverpflichtungen ab.

Die Lektüre von „Eine Handvoll Staub“ bereitet ein vergnügliches Missvergnügen. Denn es ist eben das, was scheinbar übrig bleibt, wenn eine Welt untergeht: Staub. Der Verlust ist ebenso schmerzhaft wie unvermeidlich. In diesem Sinne passen Evelyn Waughs Romane wieder ganz in unsere Zeit, in der Dinge zu Ende zu gehen scheinen und das Neue vielen Menschen bedrohlich erscheint. Wir werden sehen, was aus der Handvoll Staub wachsen kann.

 

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Vergebung für alles?

Vergebung für alles?

Buchbesprechung zu: „Das Haus der zärtlichen Hände“

(amerikanischer Originaltitel: „The House of Gentle Men“)

von Kathy Hepinstall

Erstausgabe 1999 – für diese Buchbesprechung deutsche Taschenbuchausgabe 2002, Knaur Verlag

Übersetzung von: Veronika Cordes

350 Seiten

Vergriffene Ausgabe, gebraucht und in Bibliotheken zugänglich

Im Grunde wollte ich zu dieser Nebenbei-Lektüre keinen Text schreiben. Es gibt weitaus mehr Bücher, die ich zur Unterhaltung oder aus Interesse lese und über die ich nicht blogge. Was mich dann doch dazu bewogen hat, ist das spezielle Thema, zu dem mir einiges in den Sinn kam, denn das „Das Haus der zärtlichen Hände“ gehört zwar nicht zu den Romanen, die mich in ihrer Machart wirklich packen konnten, aber die Idee dahinter ist bemerkenswert.

Den Klappentext zum Inhalt sollte man schnell vergessen, denn es handelt sich eben nicht nur um die angegebene Geschichte „Vergewaltigtes, traumatisiertes Mädchen verliebt sich wider Erwarten“. Die Story kommt ganz anders daher, wenn man die ersten Seiten hinter sich hat. Wir begegnen Charlotte, die nicht redet, sondern nur mit Hilfe von Stift und Zettel kommuniziert. Vor 7 Jahren hat sie einfach aufgehört zu reden, nachdem sie mit zerrissenem Kleid aus dem Wald zurückgekehrt ist. Ihr Bruder Milo, der Dinge anzündet und im Wald seine Fäuste an Bäumen blutig schlägt, hat vermutlich auch seine eigene Mutter verbrannt, wenn man dem Gerede der Leute glaubt. Charlottes Freundin Belinda vergöttert ihren Sherriff-Soldaten-Helden-Ehemann und näht wie besessen Lavendelkissen. Die beiden Freundinnen hassen sich übrigens, aber sie sind immerhin Freundinnen, kaum vermeidbar in einer amerikanischen Kleinstadt. Jenseits dieser beschaulichen Südstaaten-Kleinstadt, den Pfad durch den Wald hinunter, gibt es das „Haus der Galanten Männer“ [im Original etwas gefälliger als Haus der „Gentle Men“ bezeichnet, die deutsche Übersetzung wirkt den ganzen Roman über seltsam gestelzt – aber der Titel „Haus der sanften Männer“ hätte sich vermutlich schlechter verkauft…]. Dort beherbergt Mr. Olen wie eine Art heiliger Zuhälter eine Gruppe Männer, die verzweifelten Frauen zu Diensten sind. Nicht etwa mit Sex, nein, der ist streng verboten! Es geht darum, nett zu den Damen zu sein und sie zu trösten, eine hehre Mission zur Seelenrettung, die sich Mr. Olen vorgenommen hat, während er davon träumt, dass seine durchgebrannte Frau wieder zurückkehrt. Mr. Olen hat zwei bemerkenswerte Kinder. Benjamin, ein Halbwüchsiger, der es gern, frech und ausdauernd älteren Frauen besorgt und im Schuppen haust. Und Louise, die wir ständig auf den Knien finden, wie sie die Fußböden schrubbt, weil alles in der Welt gesäubert werden muss, sogar hin und wieder die Bäume im Wald, deren Rinde sie mit Seife, Wasser und Scheuerbürste bearbeitet. Dann gibt es da noch den kleinen, fast siebenjährigen Jungen namens Daniel, blond und unglaublich blaue Augen. Woher er kommt, weiß keiner. Er ist einfach da und wohnt im „Haus der Galanten Männer“. Seine Aufgabe ist scheinbar, die Frauen, denen Benjamin das Herz gebrochen hat, zu trösten. Doch im Grunde sucht er nur seine Mama. In diese Welt der – wie es scheint – völlig Irren tritt eines Abends Justin, Ex-Soldat und am Leben in der Nachkriegszeit gescheitert. Er bewirbt sich um eine Stelle im „Haus der Galanten Männer“ und versucht bereits in der ersten Nacht seinem Leben mittels Strick ein Ende zu setzen.

Soweit, so verrückt.

Jetzt kommt das äußerst Vorhersehbare. Charlotte erhält zu ihrem 23. Geburtstag von ihrer gehassten Freundin Belinda 4 Dollar, das übliche Trinkgeld für eine Nacht im „Haus der Galanten Männer“. Nach viel Wut und Zögern entscheidet sie sich, dem Ganzen eine Chance zu geben und trifft – wie kann es anders sein – auf Justin, mit dem sie fortan fast jeden Abend verbringt, ihre Sprache zurückgewinnt, Vertrauen fasst, sich verliebt. Ab der Mitte des Buches ist ziemlich klar, wohin die Reise geht und auch das Ende ist schlüssig. Die Storyline stürzt rasant in sich zusammen und beschert ein Ende, in dem alles in Flammen aufgeht, aber die Erlösung für sämtliche Seelenschmerzen der meisten Protagonisten greifbar ist.

Soweit, so offenkundig.

Unnötig zu erwähnen, dass Justin einer jener Soldaten ist, die Charlotte damals vergewaltigt haben. Die anderen beiden sind während des Krieges der Einfachheit halber eliminiert worden. Sie haben es ja sowieso nicht anders verdient. Doch Justin, der eigentlich nicht von Anfang an beteiligt war, sondern nur dazu gekommen ist und mitgemacht hat, anstatt Charlotte zu helfen – blauäugig, halbwüchsig, Mitläufer – ist am meisten hassenswert. Er überlebt und will sich mit dem Strick von seinem schlechten Gewissen erlösen. Hätten wir ihn gerne baumeln sehen? Oder gestehen wir ihm die Vergebung, ja sogar die Liebe durch sein einstiges Opfer Charlotte zu?

Ja, der Roman ist typisch amerikanisch. Ständig wechselnde Perspektiven, Südstaatenflair und das immerwährende Thema einer konservativen, durch fundamentales Christentum beeinflussten Gesellschaft, dazu eine romantische Liebesgeschichte, etwas lädiert, aber doch konsequent im Hollywood-Happy-End. Ein bisschen Arthouse-Irrsinn, aber leicht lesbar. Der amerikanische Stil ist nicht ganz nach meinem Geschmack; irgendein Trigger in mir verursacht, dass ich bei solcher Art Lektüre sofort auf Distanz gehe, trotzdem kann man dem Roman vielleicht Vorhersehbarkeit vorwerfen, aber keinesfalls Oberflächlichkeit.

Die Themen des Romans sind groß. Es geht um die Suche nach Erlösung und Gewissenserleichterung, die Sehnsucht nach Liebe und Vergebung, Sehnsucht nach Ganzheit, die in den „Macken“ der Protagonisten zum Ausdruck kommt. Die Menschen sind unvollständig, ihnen fehlt die Ergänzung durch einen Ehepartner, einen Vater, eine Mutter, ein Kind – ihnen sind wichtige Menschen abhandengekommen, darum suchen sie die Erleichterung in der Stille (wie die schweigende Charlotte), in der Gewalt oder in der  übertriebenen Fürsorge gegen andere Menschen und Dinge.

Es geht auch um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Zunächst wird, geschickt platziert in der Nachkriegszeit und in der konservativ-frommen Gemeinschaft eines Südstaaten-Fleckens, das Bild eines einseitig bewerteten Missverhältnisses gezeichnet. Männer sind Unterdrücker und Feinde der Frauen. Sie engen sie ein, nutzen sie aus, missbrauchen sie, tun ihnen Gewalt, sind blind für ihre Bedürfnisse. Die Frauen sind allesamt Opfer, denen man helfen muss. Diese Mission erfüllt das Haus der Galanten Männer. Hier leben sie, die Wesen, nach denen sich vernachlässigte Frauen so sehr zu sehnen scheinen. Männer mit Anstand und Manieren; Männer, die devot nach den Bedürfnissen ihrer weiblichen Kundschaft fragen; Männer, die gute Zuhörer sind und sauber gewaschen und rasiert. Glatte Wesenheiten ohne Triebe, eine mönchische Gemeinschaft, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die verletzten Frauen durch Zärtlichkeit zu heilen, um für die eigenen, an Frauen begangenen Sünden Absolution zu erhalten. Doch so einfach ist es nicht. Stück für Stück erfahren wir von der anderen Seite. Charlottes Vater, der vor dem Tod seiner Frau, ganz anders war. Unerhörter Weise hat er sogar den Abwasch und andere Aufgaben im Haushalt übernommen! Der kleine Daniel, eine Trost spendende Engelsgestalt. Und die Niedertracht und Eifersucht einer Frau hat am Ende beinahe tödliche Konsequenzen. Es ist eben nicht so einfach, wie wir es gerne hätten. Sind viele der Frauen auch durch ihre unschönen Begegnungen und ernüchternden Beziehungen mit Männern verletzt, so stehen die Höllenqualen der Männer diesem Leid nicht nach. Die Gräuel des Krieges und die selbst begangenen Gräuel haben auch ihre Seelen durchgraben und Dämonen hinterlassen. Es ist hart, sich nach Wiedergutmachung und Erfüllung zu sehnen, doch ebenso hart ist es, um Vergebung zu ringen. Und das härteste Stück ist, sich selbst zu vergeben, um neu beginnen und leben zu können und den Strick nicht mehr nötig zu haben. Es ist Charlotte, die es ihrem Peiniger Justin gegenüber ausspricht:

„… Ich verzeihe dir. Weil Gott dir verzeiht. Und als ich die Schlinge [Anmerkung: der Strick, mit dem Justin sich das Leben nehmen wollte] in Händen hielt, ist mir klargeworden, daß wir beide – ich und Gott – dir bereitwilliger verzeihen als du dir selbst…“ (S. 320)

Wofür plädiert also der Roman „Das Haus der zärtlichen Hände“? Dass alles bedingungslos vergeben und vergessen werden soll? Die Autorin schreibt viel von Vergebung, Erlösung und Gnade und das ziemlich deutlich in den traditionell-christlichen Bezügen. Kann eine Vergewaltigung vergeben werden? Es gibt eine ganze Reihe an Geboten und moralischen Grundsätzen, die man als Mensch relativ leicht vergeben und ausgleichen kann. Vater und Mutter ehren. Wenn man es nicht getan hat, so steht den meisten doch immer die Tür zum Elternhaus offen mit dem Angebot des Friedens. Stehlen. Was genommen wurde, kann man bezahlen oder zurückgeben. Mord ist freilich etwas anderes. Ein Menschenleben kann nicht wiederhergestellt werden. Und Vergewaltigung? Dazu gibt es keines unter den 10 Geboten. Was sagt die Bibel im Alten Testament dazu?

  1. Mose 22, 25 – 29:

„Wenn aber jemand ein verlobtes Mädchen auf freiem Felde trifft und ergreift sie und schläft bei ihr, so soll der Mann allein sterben, der bei ihr geschlafen hat, aber dem Mädchen sollst du nichts tun, denn sie hat keine Sünde getan, die des Todes wert ist; sondern dies ist so, wie wenn jemand sich gegen seinen Nächsten erhöbe und ihn totschlüge. Denn er fand sie auf freiem Felde, und das verlobte Mädchen schrie, und niemand war da, der ihr half. Wenn jemand eine Jungfrau trifft, die nicht verlobt ist, und ergreift sie und schläft bei ihr und wird dabei betroffen, so soll der, der bei ihr geschlafen hat, ihrem Vater fünfzig Silberstücke geben und soll sie zur Frau haben, weil er ihr Gewalt angetan hat; er darf sie nicht entlassen sein Leben lang.“

Vergewaltigung wird in ihren Konsequenzen mit Mord verglichen. Warum ist das so? Weil man damit das Leben der vergewaltigten Frau tatsächlich beendet und das unabhängig von den gesellschaftlichen Bezügen in jeder Zeit. War es damals für ein junges Mädchen danach unmöglich, eine normale Ehe einzugehen und somit ein anständig versorgtes Leben zu führen, so ist es heute nicht weniger hart für eine Frau, ihr Leben danach weiterzuleben. Früher wollte mir die zweite Anweisung in diesen Versen ziemlich abwegig erscheinen. Warum soll die Frau, die von einem Mann vergewaltigt wurde, nun auch noch mit diesem Mann zusammenleben? Das erschien mir angesichts des Urteils im Vers zuvor, dass Vergewaltigung wie Mord ist, absolut grausam und unverständlich. „Er darf sie nicht entlassen ein Leben lang“ bedeutet aber auch, dass er für das Leben und die Versorgung der Frau verantwortlich ist, weil er ihr Gewalt angetan hat. In den damaligen Verhältnissen ist das also ein durchaus sinnvolles Gebot, eines, das Überleben sicher, auch wenn es uns heute grauenhaft vorkommt. Der entscheidende Punkt hierbei ist: Wiedergutmachung, Reue, Verantwortung.

Es geht eben nicht um eine Vergebung um jeden Preis. Auch nicht in dem Roman von Kathy Hepinstall. Vergessen wir nicht, dass die anderen beiden Vergewaltiger von Charlotte, jene Männer, die ihr zuerst Gewalt antaten und dies ohne Bedenken, von Granaten zerfetzt wurden. Das ist wohl nicht nur ein Kniff im Plot, um der lieben Charlotte nur einen einzigen Mann wieder über den Weg zu schicken, damit sich eine romantische Liebesgeschichte entwickeln kann. Das Entscheidende ist, dass Justin es zutiefst bereut und dass er letztlich Verantwortung übernimmt. Für die Frau und für das Kind, das er gezeugt hat. Allein deshalb wird ihm vergeben und er bekommt die Chance zu einem neuen Leben ohne Dämonen. Vergebung gibt es für alles, aber nur um den Preis des Bekenntnisses, der Reue und der Übernahme von Verantwortung.

Alles in allem bewegen die Ideen und das Thema des Romans. Sicher, die Storyline ist sehr offensichtlich und hat ihre Schwächen, aber die sensible, leicht verrückte Herangehensweise an ein solch schwieriges Thema, macht es doch leicht, das Buch zu lesen und sich für die Geschichte zu erwärmen. Weil es eben nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Erwähnenswert ist noch ein anklingendes Nebenthema des Buches. Im Weitesten Sinne geht es auch um ein Gleichgewicht zwischen Liebe und Triebleben, ein verantwortungsvoller Umgang mit den eigenen Bedürfnissen; nicht um jeden Preis die Erleichterung des sexuellen Dranges zu suchen, aber auch nicht zu leugnen, dass es ihn gibt. Dieses Ungleichgewicht führt letztlich dazu, dass das „Haus der Galanten Männer“ im Feuer untergeht, während Justin, Charlotte und ihr gemeinsamer Sohn durch das Feuer hindurch gerettet werden, weil sie dieses Gleichgewicht und die ehrliche Vergebung verkörpern. Ein durch und durch symbolischer Text mit Tiefe. Für meinen Geschmack zu durchschaubar konstruiert, aber in Anlage und Idee groß, in der Formulierung angemessen sensibel.

Klare Empfehlung bei Interesse für das Thema und als nicht zu schwierige Lektüre.

 

Spuren, die das Böse hinterlässt

Spuren, die das Böse hinterlässt

Buchbesprechung zu:

„Hitlers erster Feind“ Der Kampf des Konrad Heiden

Von: Stefan Aust

Rowohlt Verlag, 2016, 372 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass ich den Zugang zum Autor (Konrad Heiden) über eines seiner Werke gesucht habe, war von großem Vorteil (siehe Buchbesprechung zu: „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“). Überhaupt ist es neben „Zurück zur Quelle“ eines meiner Prinzipien, den Schreiber über das Geschriebene kennenzulernen, ehe man den Spuren seines alltäglichen Lebens nachgeht, um das Bild eines ganzen Menschen vor die Augen gemalt zu bekommen. Denn was ein Schreiber schreibt, das schreibt er aus seinem innersten Wesen heraus. Und wie man Adolf Hitlers unangenehmes Wesen ganz sicher aus „Mein Kampf“ herauslesen kann (wie Konrad Heiden es ja auch getan hat), so kann man Konrad Heidens Wesen recht klar aus seinem geschriebenen Wort herausleuchten sehen.

Andererseits ist das schriftliche Werk eines Mannes auch eine Hinterlassenschaft, deren Qualität unabhängig von Vorurteilen (egal ob negativer oder positiver Art), beurteilt werden muss. Ein anständiger Mensch kann schlechte Arbeit leisten, ebenso wie ein charakterschwaches Individuum Großes vollbringen kann. Ein Mensch ist nie nur ganz gut oder ganz schlecht. Eine Sichtweise, die man auch Konrad Heiden in seiner Betrachtung von Hitler vorgeworfen hat. Ja, vielen war sein Umgang mit dem Monstrum Hitler noch nicht scharf genug. Und doch war Heiden ein Mann mit äußerst scharfem Verstand, nach Aussagen von Bekannten sogar oft unangenehm schneidend, wie Stefan Aust in seiner Biografie „Hitlers erster Feind“ bemerkt.

„… während Heiden eher von sperriger Art war. Sein messerscharfer Verstand wurde nicht nur bewundert, sondern bisweilen auch gefürchtet. Er konnte sehr schneidend sein, wenn er jemanden nicht mochte. Er war schüchtern und arrogant zugleich. Und er wusste durchaus, dass er ein guter Autor war, eine kritische Instanz, der als „Hitlers erster Feind“ auch in den USA prominent geworden war.“ (S. 334)

Eine interessante Zusammenfassung, der ich nach der eigenen Lektüre von „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ gerne Glauben schenke. Umso eher, als dass auch Stefan Aust in seiner Biografie eben diesen Zugang zu dem Menschen Konrad Heiden gewählt hat. Auch seine erste Begegnung mit Hitlers Feind Nr. 1 begann mit einem Buch, eben jener ersten Hitler-Biografie aus dem Jahre 1936. So war ich gleich auf den ersten Seiten eins mit Stefan Aust, eins im Zugang und in der Faszination für das Thema und den Mann Konrad Heiden. Ohne diesen Zug in die Materie hinein wäre es mir vermutlich schwerer gefallen, die Biografie so zügig durchzulesen, denn man merkt die schwer zu bewältigende Fülle an Literatur, die hinter dieser Arbeit steckt.

Stefan Aust lässt Konrad Heiden über Seiten hinweg einfach selbst sprechen, in Zitaten aus seinen Büchern und Artikeln, von denen es eine solche Unzahl gibt, dass auf ihre Aufzählung im Anhang glatt verzichtet werden musste. (Anmerkung S. 375) So ist rund ein Drittel dieser Biografie ein Zusammenschnitt aus Zitaten, Anmerkungen über das zeitgeschichtliche Geschehen bis hin zu Hitlers Aufstieg zur Macht und eine Art Parallel-Betrachtung der Männer Heiden und Hitler, die nichts anderes als einander entgegengesetzte Feinde werden konnten. Die biografischen Details über Konrad Heidens Kindheit und Jugend aufzuzählen erspare ich mir. Man mag es selbst bei Stefan Aust nachlesen, der bei schwieriger, unvollständiger Quellenlage (Heiden musste bei seiner Flucht wie so viele andere manches in Deutschland zurücklassen) eine wirklich gute Arbeit geleistet hat.

Bezeichnend erscheint mir allerdings eine Anekdote, die auf den Seiten 40 bis 43 geschildert wird. Der Schüler Konrad Heiden wird beschuldigt, sich despektierlich über den Kaiser geäußert zu haben (man vergesse nicht, der Erste Weltkrieg ist im Gange, als Heiden ein Knabe ist, Vaterlandsliebe und Kaisertreue ist Pflicht!). Es gibt ernsthafte Ermahnungen, Gespräche mit seinem Vater. Beinahe hätte man den Schüler Konrad des Gymnasiums verwiesen. Ob es nun ein übles Gerücht war, von einem neidischen Mitschüler in Umlauf gebracht, oder ob der junge Konrad sich tatsächlich kritisch geäußert hat, lässt sich nicht mehr herausfinden. Trotzdem beschreibt diese Geschichte einen intelligenten Jungen, der sehr früh gelernt hat, auch vom Elternhause aus, selbst zu denken und eigene Schlüsse zu ziehen. Während Adolf Hitler sich in seine eigenen Ansichten tiefer und tiefer verstrickt und sich die Fesseln einer verqueren Ideologie um den Verstand legt, ist Konrad Heiden dabei, mit wachen Augen die Welt zu entdecken und zu verstehen. Über diesen Gegensatz verstehen wir, dass es nur so kommen konnte, dass Konrad Heiden als Journalist sofort in heiße Opposition zum aufsteigenden Nationalsozialismus kommt.

Gefördert durch Otto Groth, bayerischer Korrespondent der Frankfurter Zeitung, beginnt für Konrad Heiden seine journalistische Karriere. Stefan Aust schildert anschaulich, wie der junge Mann zunächst wirklichen Erfolg verzeichnen kann, seine Arbeit jedoch mehr und mehr erschwert wird. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten erfolgt auch eine rasante Gleichschaltung der Medien. Fast alle Zeitungen rücken nach rechts. Aus Angst, auf Befehl oder eben von den Nazis selbst aufgekauft und infiltriert. Konnte er mit seinem Buch „Geschichte des Nationalsozialismus“ (1932!) noch einen starken Erfolg feiern, so sieht es einige Monate später (1933 Machtergreifung!) ganz anders aus. Sein Buch wird umgehend verboten. In Deutschland ist es für Konrad Heiden nicht mehr sicher. Das weiß er zu genau, hat er doch von erster Stunde an kritisch berichtet, als die Nationalsozialisten noch bierseelig im Hofbräukeller beisammen saßen und sich in Hitlers ersten Reden suhlten. Da nahm man sie noch nicht ernst. Konrad Heiden nahm sie sehr ernst und beim Wort. Und das machte ihn 1933 sofort unmöglich.

Stefan Aust schildert nun die Stationen von Konrad Heidens Flucht, seine Versuche, jeweils in der Schweiz, im noch neutralen Saargebiet und schließlich in Frankreich weiter zu publizieren und seinen Wort-Kampf gegen die Nationalsozialisten fortzuführen. Auch hier erspare ich mir die Details. Es lohnt sich jedoch, den Spuren dieser Flucht nachzugehen. Was Konrad Heiden selbst über sein eigenes Schicksal zu dieser Zeit empfunden und gedacht haben mag, das hat er nicht festgehalten. Stefan Aust greift deshalb zurück auf die geschilderten Erlebnisse anderer Autoren, die zu der gleichen Zeit wie Konrad Heiden über Frankreich, verschiedene Internierungslager, schließlich über die Pyrenäen hinweg nach Lissabon und zu Schiff in die USA emigriert sind, verbunden mit all den Schwierigkeiten, Papiere und Genehmigungen zu erhalten. Es war Thomas Mann, der Konrad Heiden dem Rettungskommitee (Emergency Rescue Committee) empfahl. Eine Flucht in letzter Sekunde, denn die Gestapo war ihm und anderen bereits hart auf den Fersen.

Diese Flucht, dieses Leben voller Leidenschaft im Kampf gegen Hitler, forderte natürlich auch seinen Preis. Es ist Konrad Heiden bis zum Schluss nicht gelungen, sich eine Art wirklich familiäres Umfeld zu schaffen. Er lehnte wohl auch eine zu enge Bindung an eine Frau ab, verheiratet mit seiner Arbeit könnte man sagen. Selbst zu seiner späteren Lebensgefährtin hat er zwar ein sehr inniges Verhältnis und er setzt sie als Alleinerbin ein, bezeichnet sie als seine ganze Welt, doch immer wieder zieht er sich zurück in seine Arbeit, die ihm eigentlich alles ist und ihn von Anfang an tief geprägt hat. So gibt er selbst zu, dass eine so intensive Beschäftigung mit einem Mann wie Adolf Hitler eben auch ihre Spuren hinterlässt. (S. 318)

Konrad Heiden kann in den USA mit einer Buchveröffentlichung großen Erfolg und einige Bekanntheit erlangen („Der Fuehrer. Hitler´s Rise to Power“ Boston, 1944), doch das Glück währt nicht lange. Eine schwere Krankheit (Parkinson) vermindert schließlich seine Arbeitsfähigkeit und sicher auch seine finanziellen Mittel. So sehr, dass er sich irgendwann entschließt, einen Antrag auf Wiedergutmachung zu stellen. Stefan Aust skizziert auf den letzten Seiten die dramatische Verschlechterung des Gesundheitszustandes parallel zu dem laufenden Antrag. Es fehlen Papiere (natürlich fehlen sie, er musste schließlich fliehen und alles zurücklassen!). Nach langem Hin und Her einigt man sich auf eine nachträgliche Rentenzahlung, doch schließlich wurde der Entschädigungsantrag abgewiesen. Drei Wochen später stirbt Konrad Heiden. Es ist ganz sicher einer der vielen kleinen Skandale, dass Menschen, die es wirklich verdient hätten, keine Entschädigung und Wiedergutmachung erhalten haben. Stefan Aust lässt es unkommentiert stehen, doch aus den vorangegangenen Schilderungen, aus der gesamten Biografie geht hervor, dass es eine Unverschämtheit sondergleichen ist.

In den USA ist Konrad Heiden noch ein letzter Erfolg vergönnt gewesen. In Deutschland ist er bis heute vergessen. Das sollte sich nun mit der Neuveröffentlichung seiner Werke und mit der vorliegenden, wirklich hervorragend recherchierten Biografie von Stefan Aust ändern. Es ist nicht die beste und schillerndste Biografie, die ich je gelesen habe. Dazu ist sie einfach zu trocken und gespickt mit zahlreichen Fakten auf engstem Raum. Man merkt dem Buch an, dass es zusammengefasst werden musste, um lesbar zu sein. Dennoch bleibt es eine hervorragende Zusammenfassung, eine gute Einführung in das Thema Konrad Heiden und eine starke Anregung, sich den Werken Heidens neu zuzuwenden.

 
 

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Minderwertig und halb gebildet zur Macht

Minderwertig und halb gebildet zur Macht

Teil I über die Hitler-Biografie des Konrad Heiden

Buchbesprechung zu:

„Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“

Von Konrad Heiden

Zuerst veröffentlicht 1936 im Europaverlag, Zürich

Neu veröffentlicht im Doppelband mit dem zweiten Teil 2016 im Europaverlag

564 Seiten

Manchmal ist das Leben einer Bibliophilen, die in einer Buchhandlung arbeitet, fast so, wie es in Romanen geschildert wird. Ein seltsames, altes Buch fällt einem in die Hände. Ein Geheimnis, eine abenteuerliche Geschichte scheint es zu umgeben. Man begibt sich auf Spurensuche und entdeckt etwas Großes, Einzigartiges, das die Seele bewegt. So ist es dieses Mal geschehen. So kam ich zu dieser Lektüre.

Eines Tages hatte irgendjemand, wie es eben öfter vorkommt, einen Stapel alter Bücher in der Buchhandlung abgegeben. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Sie nahmen Platz weg. Man wollte sie jedoch nicht entsorgen. (Das Antiquariat als Rettung vor der Abfallwirtschaft.) Darunter ein in schlichtes Leinen gebundener Titel, auf dem die Worte „Konrad Heiden“ und „Hitler“ prangten. Hitler schön groß geschrieben. Wir schlugen das Buch auf, um wie immer zuerst zu prüfen, in welcher Zeit es einzuordnen wäre. 1936. Eine Biografie über Hitler aus dem Jahre 1936? Man kennt den Narzissmus der Nazigrößen, die ihre Memoiren, Kampfschriften, Artikel und Tagebücher in Massen unter das Volk warfen. Also wieder ein übliches, unerträgliches Loblied auf den großen Führer? Einige Seiten später konnte man feststellen, dass es gegen Hitler gerichtet war. Wer tut so etwas? Beinahe 500 Seiten Biografie schreiben über einen Menschen, zu dem man in Feindschaft steht. Ist das Besessenheit? Ist es Mut und Kampf?

Andere Dinge wurden wichtig. Das Buch wurde beiseitegelegt und bald verkauft. Doch dann warf der Europaverlag den Titel als Doppelband beider Teile in Neuauflage auf den Markt. Und Stefan Aust widmete sich der Person des Journalisten Konrad Heiden mit seinem Titel „Hitlers erster Feind“.

Niemals wollte ich eine Biografie über Hitler lesen, mich mitreißen lassen von der gewaltigen Flut an Literatur, die eine unaufhörliche Verarbeitung von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg Jahr für Jahr in Form zahlloser Bücher in die Welt spuckt. Wissen aneignen, Position beziehen, ja, aber niemals in die Person des Adolf Hitler eintauchen, das Dunkle nicht zu tief berühren.

Doch da war Konrad Heiden. Von Natur und Verstand sofort in Opposition zum künftigen „Führer“. Sozialdemokrat, Pazifist, freier Journalist, jüdischer Abstammung. Sehr bald im schweizerischen Exil, dort eine Unzahl an Quellen und Informationen über den Mann Adolf Hitler zusammentragend. 31 Tausend Exemplare des ersten Teils seiner Biografie über den Feind gedruckt. Zahlreiche andere Bücher über den Nationalsozialismus und Hitler veröffentlicht. Sein Weg führte ihn wie viele andere Autoren ins Exil. Über die Schweiz, Paris, Flucht über die Pyrenäen, emigriert in die USA. Gerade noch davon gekommen. Immer weiter sich gegen Hitler stellend, gegen ihn anschreibend, mit dem Wort kämpfend. Ein Held nach meinem Geschmack.

Treu meinem Credo „Zurück zur Quelle“ griff ich nicht zuerst zu dem Buch über Konrad Heiden („Hitlers erster Feind“), sondern nahm Mut und Atem zusammen, mich durch die fast 1000 Seiten Hitler-Biografie zu kämpfen. Zuerst schweren Herzens, dann mit Freude und nicht mehr davon los kommend. Wie ist es möglich, Freude zu empfinden, wenn man etwas über Hitler liest? Wie ist es möglich, Spaß an einer so ernsten Lektüre zu haben?

Der erste Teil, über den ich hier schreibe, beginnt blutig und endet blutig. Adolf Hitler, geboren in der Provinz, in der man im 16. Jahrhundert „Eingeweide“ „an Baumstämme genagelt“ hat (S. 44). Adolf Hitler, der schließlich bewilligt und befehligt, dass mit Sicherheit über 150 Männer an die Wand gestellt und zerschossen werden (zerschossen, nicht erschossen, das Wort ist bewusst gewählt!). Das ist der blutrote Bogen, unter dem sich das Lebensbild Adolf Hitlers entspannt, die Entstehung der nationalsozialistischen Bewegung nachvollzogen wird. Ein literarischer Kunstgriff von so vielen. Ein Kampfbuch gegen Hitler, voller Kernsätze, Bilder und sprachlich geschliffener Schönheit. Konrad Heiden, ein Mann, der mit klaren, deutlichen, aber auch schön zu nennenden Worten gegen eine Sache schreibt, die hässlicher nicht sein könnte. Das Grauen mit Verstand und Güte entlarvend. Allein das ist der Grund, weshalb man dieses Buch lesen kann, ohne in den Abgrund zu stürzen, obwohl man tief in ihn hinein blickt.

Nun zur Sache. Was steckt im ersten Teil von Heidens Hitler-Biografie?

„Dies ist der unbehagliche Zwiespalt des Rationalismus, dass er die Welt für verstehbar erklärt und doch zur Folge hat, dass sie der großen Mehrzahl immer unverständlicher wird.“ (S. 108)

Die Hauptthese findet sich bereits im Titel. Ein Zeitalter der Verantwortungslosigkeit ist angebrochen. Eine arbeitslose, kriegsmüde, zum Teil ausgehungerte deutsche Bevölkerung flüchtet sich in das Heil eines Führers, der alle Verantwortung für sie übernimmt. Dieser Führer selbst ist jedoch einer von ihnen, selbst gescheitert und nicht in der Lage und willens Verantwortung zu übernehmen. Sowohl der Einzelne in der Masse, als auch derjenige, der diese Masse führt, übernehmen keine Verantwortung. So gibt es bald eine Reihe Führer, die verantwortungslos und ohne moralische Bedenken tun und lassen, was ihnen gut dünkt. Denn niemand ist verantwortlich und niemand kann zur Verantwortung gezogen werden. Das schafft Raum für Willkür und alle erdenklichen Gräuel. Die Schuld wird ausgelagert und auf eine Minderheit übertragen. Es ist bequem. Alles mündet schließlich in die Formel: „Der Jude ist an allem schuld!“

„Das ist die Erweiterung des Ständegedankens durch das Führerprinzip. Es bedeutet für jedermann Entlastung von Verantwortung durch eine absolute oberste Autorität, also Sicherheit und moralische Bequemlichkeit; es bedeutet aber auch für jeden die theoretische Möglichkeit, selbst an irgendeiner Stelle Führer zu werden und einen Teil der Autorität ohne Verantwortung mitzugenießen. So wenig das Individuum sich verantwortlich fühlt und fühlen will für seinen Staat, so wenig ist der Führer tatsächlich verantwortlich; denn wenn die Verantwortung nach unten, gegenüber den Massen, aufgehoben ist, dann ist sie überhaupt aufgehoben. […] Der absolute oberste Führer, der angeblich die ganze Verantwortung allein auf sich nimmt, nimmt praktisch gar keine auf sich, denn niemand kann ihn zur Verantwortung ziehen. So entsteht ein Herrschaftssystem, in dem es nur ein Risiko gibt, nämlich den Kampf um die Gunst des Höheren, und ein sicheres Mittel, dieses Risiko auf null zu reduzieren, nämlich die Willfährigkeit nach oben.“ (S. 325/26)

Doch wie ist dieser machtwillige, aber verantwortungsunwillige Führer geworden, was er ist? Heiden begibt sich auf Spurensuche, er forscht in der Familiengeschichte Adolf Hitlers. Wer waren seine Eltern und Großeltern, wie ist der Familienname entstanden? All jene Details, die eine klassische Biografie ausmachen. Nichts sonderlich Erstaunliches kommt dabei zu Tage, außer einem Hang der Familie zum Deutschnationalen, nicht ungewöhnlich für so viele Deutsch-Österreicher, mehr guter Ton und Attitüde als wirklich Kampfeswille und Politik. Nur das Eine ist auffällig. Adolf Hitler ist ein Gescheiterter und trotzdem schafft er es an die Spitze. Wie hat er das gemacht? Wie hat er sich selbst gemacht? Oder ist er gemacht worden? Wer erschuf den Führer, wie er 1936, beim Erscheinen des Buches, bereits sein Unwesen treibt?

„Realschüler, verlässt die Schule aus Trägheit vor dem Examen, an der Kunstakademie und der Architekturschule, abgewiesen, nacheinander Gelegenheitsarbeiter, Kofferträger, Bettler, Ansichtskartenzeichner und Plakatmaler, mehrere Jahre Insasse eines Männerasyls, 1914 bis 1920 Soldat, dann ohne Beruf, von Freunden unterstützt, politischer Agitator – dieses Lebensbild Adolf Hitlers ist geradezu Krone und Vorbild für die Lebensläufe all dieser Deklassierten, die als sogenannte Führer der nationalsozialistischen Partei Unterschlupf gefunden haben.“ (S. 317)

Schnell wird deutlich, dass dieses geknickte Lebensbild allein nicht genügt, um zu begreifen. Das Umfeld Adolf Hitlers wird ausgeleuchtet. Wer hat ihn gekannt, wie er damals war, ganz unten, ein Obdachloser und ein Bettler? Wer hatte mit ihm Umgang? Gewisse Anlagen, die für eine frühzeitige Störung in der Persönlichkeit sprechen, zeigen sich bereits. Doch hier hätte er noch alles werden können, vom einfachen Arbeiter bis hin zum ewig armen, verschrobenen Künstler. Der Erste Weltkrieg ist der Geburtshelfer. Adolf Hitler wird einfacher Gefreiter. Freilich bringt er es auch hier nicht weit, doch es zeigt sich eine gewisse Tapferkeit, eher begründet in buckliger Hörigkeit, denn in wirklicher Bildung des Charakters. Jahre später finden wir denselben Adolf Hitler auf dem Bauch liegend und feige vor den Schüssen fliehend, als der ungeschickte Putschversuch misslingt. Ein Hin und Her. Mal der verschüchterte Herr Hitler, mal der Führer, der er einst werden soll.

„Er wurde im steilen Aufstieg nur, was er wirklich war und wozu die Natur ihn gestempelt hat: ein Herrscher mit Bettlerinstinken. Er konnte von Haus aus nur absolut sein, sei es Fürst oder Vagabund. Er kann nicht leben, ohne tun zu dürfen, was er will; aber er muss das Gefühl haben, dass alle es ihm erlauben. In seinem tiefsten Empfinden kein Herr, sondern eben ein „Führer“; geht nur voran, wenn er weiß, dass andere folgen. In der Einsamkeit ein Hocker und Träumer, vor der Masse ein gewaltiger Streber. Kein Alleingänger, sondern ein Alleinsitzer. Es ist Deutschlands Tragik in dieser zwielichtigen Epoche seiner Geschichte, dass sechs Jahrzehnte Kaiserreich es an Gehorsam gewöhnten, aber keinen echten Herrn hervorbrachten. Darum das Zeitalter der dämonischen Hanswurste.“ (S. 418)

Nach dem Weltkriege irrt unser Adolf, genannt „Ohm Paul Krüger“, umher. Er trifft Leute mit Ideen. Er mag zwar kein Genie sein, doch er ist nicht ohne Talent. Er kann reden und er ist in gewisser Hinsicht gebildet, hat Einiges gelesen. Und er will etwas. Was genau? Er selbst weiß es vielleicht noch nicht. Aber:

„Aktivist und Spießer begegnen sich im Zeichen der Halbbildung.“ (S. 126)

Ein ganzes Heer ist arbeitslos gemacht worden. Es gibt die Masse der berufslosen Soldaten, es gibt die versteckten Waffen. Es gibt die Männer an den entscheidenden Stellen. Zahllose Zufälle verbinden sich zu genau den Umständen, die es möglich machen, dass ein redebegabter Adolf Hitler werden kann, was er wird. Ein Getriebener, Geschobener, Gedrückter. Und doch auch der „Führer“, der er sein will und nicht immer ist. Wer die einzelnen Stationen auf dem Weg zur „Machtergreifung“ nachvollziehen will, verstehen will, wie der Nationalsozialismus groß und immer größer werden konnte, der mag die Details in Konrad Heidens Buch nachlesen. Der Platz hier ist zu begrenzt, um auch nur eine Zusammenfassung zu geben.

„Die Deklassierten aller Klassen, repräsentiert in den sieben bis acht Millionen Erwerbsloser, sind ein Meer, und eine Hand voll unheimlicher Freibeuter die Besatzung seines Schiffs.“ (S. 327)

Der Weg indes ist klar, ein Hin und Her um die Macht beginnt. Mal verzeichnen die Nationalsozialisten Wahlerfolge, mal werden sie und ihre Schriften verboten. Heiden beschreibt Hitlers Kampf um die Macht auf eine Weise, dass man beinahe mit Hitler mitfiebert, wann und wie er es denn endlich schafft, obwohl immer klar bleibt, dass Hitler der schlimmstmögliche Fall sein wird. Ein Nahezu romanartiger Antiheld wird konstruiert. Hitler wird nicht dadurch unmöglich gemacht, dass er von vornherein als das feststehende Bild eines Dämons beschrieben wird. Wir erleben den Menschen Adolf Hitler, als einen mit Schwächen und Stärken, Talenten und Komplexen. Man mag es fast schon Empathie nennen, wären da nicht die wirklich feinironischen, bissigen Anmerkungen. Das ist eine kunstvolle, unheimliche Entlarvungsstrategie. Sich dem Gegenstande einfühlend nähern und dennoch in der sicheren Ferne des Beobachters bleiben. Objektiv, aber nicht ohne Meinung dazu. Wer wissen will, wie kunstfertig Konrad Heiden dieses Netz webt, dem sei die Lektüre empfohlen. Eine Buchbesprechung kann nur ungenügend widergeben, was man beim Lesen tatsächlich erlebt.

Ja, Konrad Heiden wird scharf in seinem Urteil, bissig geradezu. Er zeichnet ein vergnüglich zu lesendes, unvorteilhaftes Bild seines Feindes:

„Das Gesicht eines Menschen ist ja kein unabwischbarer Stempel der Natur, ein für alle Mal ohne Widerruf und Gnade aufgedrückt; jeder Mensch formt vielmehr sein Gesicht, sowohl von innen her durch die dawider arbeitenden Seelen- und Geisteskräfte als auch von außen durch Haar und Bart und lebenslange Spiegelübungen. Aus was für einem Gesicht hat nun Adolf Hitler was für ein Gesicht gemacht? Eine kalmückische Anlage mit hochstehenden Backenknochen und geschlitzten Augen, etwas grausam und leicht schreckhaft aussehend, ist durch Haar und Bart zum Modell „schöner Mann“ gewaltsam vermanscht worden – ob das Ziel erreicht wurde, ist Geschmackssache.“ (S. 435)

An dieser Stelle weichen wir mal etwas ab von dem Buch. Jeder hat das typische Angesicht Adolf Hitlers vor Augen, es hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis geprägt, unauslöschlich. Und Konrad Heiden fängt es 1936 so ein, wie wir es 2017 immer noch in unsere Hirnwindungen gebrannt haben. Wer die Muße hat, der suche im Netz einmal nach dem Bildnis des Autors. Da erscheint das ganze Gegenteil. Dieser Mann, wenn man allein das Gesicht Konrad Heidens betrachtet, muss einfach ein Gegner des „Führers“ sein. Weiche Züge, wache Augen, ein leicht spöttisches Lächeln. Ein Mann des Schreibtisches, sicher nicht unkompliziert, aber das Gute wollend. Allein Hitler und Heiden nebeneinander zu betrachten macht deutlich, welche Position „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ beziehen muss.

Konrad Heiden ist klarer, erklärter Feind Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten. Er berichtet kritisch, ironisch, messerscharf. Und dennoch verliert er niemals den Menschen als Menschen aus dem Blick. Selbst Adolf Hitler, dieser Dämonische, bleibt bei ihm ein Mensch, der hin und her gezogen ist. Die unbedingte Achtung der Würde des Menschen wird besonders deutlich in der Schilderung der „Säuberungen“ in der „Nacht der langen Messer“, als zahlreiche SA-Größen erbarmungslos niedergeschossen werden. Mit der Niederschlagung des sog. Röhm-Putsches endet Heidens erster Teil seiner Hitler-Biografie. Sein schriftlicher Umgang damit ist bezeichnend für den Zugang, den Heiden zu Hitler und den Nationalsozialisten sucht. Denn Propagandaberichte des Reiches sprechen davon, dass die SA-Männer bleich und zitternd in den Tod gegangen sind. Das will man gerne glauben. Sind es nicht ohnehin Verlorene, Mörder, Menschen auf der falschen Seite? Doch Konrad Heiden schenkt lieber den Berichten der Davongekommenen Glauben. Sie sprechen davon, wie aufrecht und gefasst jene Männer in ihren letzten Augenblicken waren. Trotz des Grauens und der unfassbaren Vorgänge unter Hitler verliert Heiden nicht den Glauben an Mensch und Würde. Das ist beeindruckend und nötigt Respekt ab.

„Oft gestellte, quälende Frage: Wo nahm der Mitmensch des 20. Jahrhunderts diese Bestialität her?

Man gebe beliebigen hundert Menschen die Erlaubnis, eine Schar menschliche Opfer ohne Strafe zu foltern und auch zu töten, und von den Hundert werden anfangs einige, dann immer mehr und schließlich vielleicht ein Drittel regelmäßig sich die Belustigung des Quälens verschaffen. Das ist eine furchtbare Wahrheit, aber es ist vielleicht der einzige Wert der Konzentrationslager, dass sie diese Wahrheit wieder an den Tag brachten.

Die Schuld liegt bei denen, die die Erlaubnis gaben und die Verantwortung von den Menschen nahmen. Verantwortungslosigkeit führt ohne Entrinnen zum Mord.“ (S. 513)

Konrad Heiden sieht die grausame Wahrheit, aber er verliert den Glauben nicht. Das ist eine Leistung für sich.

Konrad Heiden schreibt klar, verständlich, modern. Objektiv, abwägend, kritisch. Sein Werk ist umfassend recherchiert, er nutzt unzählige Quellen. Eine harte und korrekte Arbeit, der man heute noch Glauben und Gehör schenken muss. Niemand, der sich mit Hitler beschäftigt und eigene Recherchen betreibt, kann über Konrad Heiden und seine Erkenntnisse einfach hinweggehen. Heiden gibt einen verständlichen, chronologischen Ablauf der Ereignisse, nimmt jedoch immer wieder Rückbezug auf bereits Erwähntes, deutet Kommendes vorfühlend an. Dann wieder zweigt er in erhellende Details ab, ohne jedoch den roten Faden zu verlieren. Er spinnt ein vielfädiges Netz aus Informationen, biografischen Details, Beobachtungen, Daten, politischen Verläufen und historischen Ereignissen. Es ergibt sich ein fast ganzheitlich zu nennendes Bild von Person und Zeit Hitlers und der nationalsozialistischen Bewegung. Lesend bewegt man sich im Geiste, um gemeinsam mit Heiden den Versuch des Verstehens zu machen. Kann man das Wesen der Ereignisse überhaupt voll erfassen und begreifen? Konrad Heiden ist dem ziemlich nahe gekommen. Deshalb nimmt sein Text uns mit und bewegt.

Eine klare Leseempfehlung, ein Muss für all jene, die nahe an der Quelle sein möchten, ohne sich hinreißen zu lassen. Nie war es vergnüglicher, die Geschichte aufkeimenden Grauens zu lesen. Und gerade dieses Vergnügen umkleidet etwas, das man kaum erfassen kann, mit dem nötigen, würdevollen Ernst. Ein Widerspruch? Man lese selbst und urteile.

 

 

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 10. März 2017 in Buchbesprechungen

 

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Katholische Teddybären und was sonst noch wichtig ist

Katholische Teddybären und was sonst noch wichtig ist

Buchbesprechung zu:

Wiedersehen mit Brideshead

Die heiligen und profanen Erinnerungen des Captain Charles Ryder

(Original:

Brideshead Revisited. The Sacred and Profane Memories of Captain Charles Ryder –

1945 / 1960)

von: Evelyn Waugh

diese Ausgabe:

neu übersetzt von pociao, im Diogenes Verlag, Neuauflage 2017, 503 S. ohne Nachwort

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Nachdem ich den Autor Evelyn Waugh für mich entdeckt habe, bleibe ich seinen Werken, die nach und nach in Neuübersetzungen und Neuauflagen erscheinen, treu. Dieses Mal habe ich einen Roman gelesen, der unter vielen Vorzeichen in meine Hände gekommen ist. Denn Wiedersehen mit Brideshead gilt als das ziemlich bekannteste und beliebteste Werk des Autors, nicht zuletzt, weil es eben auch verfilmt wurde. Man hält es für einen modernen Klassiker des 20. Jahrhunderts, ein hervorragender Spiegel für die Auflösung der alten englischen Gesellschaftsordnung zwischen den beiden Weltkriegen.

Andererseits gab es auch immer Gegenstimmen, die Wiedersehen mit Brideshead für unerträglich halten, für eines der schlechtesten Bücher Waughs. Es polarisiert. Es ist original Waugh und doch ganz anders. Es vermag eine breite Masse anzusprechen, weil die romantischen Elemente in den Bann ziehen. Und es lässt den sonst so spitzen, scharfzüngigen Autor in sanfteren Tönen hindurchscheinen. Mehr noch als in anderen Geschichten aus seiner Feder, leuchtet das Autobiographische aus den Zeilen hervor, wohl auch, weil die Erinnerungen des Charles Ryder in der Ich-Perspektive geschildert werden. Das ist für Waugh ebenfalls eher ungewöhnlich, pflegt er doch sonst eine große Distanz zu seinen Protagonisten herzustellen, indem er sie entweder passiv dulden und beobachten lässt oder sie in satirischer Meisterschaft völlig überzeichnet und zu einem Zerrbild der gesellschaftlichen Wirklichkeiten macht.

Was Wiedersehen mit Brideshead eigentlich so anders macht und eine Leserschaft anzieht, die vielleicht sonst nur wenig für die klirrende Schärfe des frühen Waugh übrig hat, ist die Erschaffung einer kleinen, in sich geschlossenen Welt, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Ordnungsstrukturen. Man kann darin eintauchen, mit den Figuren lächeln und traurig sein. Es ist keine dieser brutalen Draufsichten, keine zynische Weltverachtung. Neben der offensichtlichen Ironie, die ein Evelyn Waugh niemals ablegen kann, ist die Geschichte voll von zärtlichen Tönen über Freundschaft, Liebe und eine verlorene Welt, derer sich Charles Ryder ohne Bitterkeit erinnert.

Es klingt abwegig, doch ich musste an den anderen, katholischen, englischen Autor denken, für den ich so viel übrig habe. Tolkien. Warum Tolkien? Weil auch er mit seinem Werk auf eine ganz andere Weise eine eigene Welt erschaffen hat, durch die immer wieder ein bestimmter Funke schlägt. Die Überzeugung, dass es etwas gibt, das alles überdauert, auch wenn die ganze Welt zerbricht. Das Gute. Die Güte. Die göttliche Vorsehung. Es ist auch in Wiedersehen mit Brideshead das zu Grunde liegende Motiv. Das, was dieses Buch zu einem Ganzen macht und auch das, was viele ihm vorwerfen.

Meiner Meinung nach hat Waugh hier etwas wirklich Bemerkenswertes konstruiert. Vergessen wir nicht, dass der Autor selbst ein überzeugter Katholik ist, ein Konvertit, der ganz besonders an den traditionellen Riten und ihrer Bedeutung festhält. (Ähnlich wie für Tolkien ist auch für Waugh nur eine lateinisch gehaltene Messe eine richtige Messe.) Dennoch lässt er die katholische Adelsfamilie in ihrem Katholizismus scheitern. Um sie durch dieses Scheitern wieder zurück zu sich selbst zu bringen, zurück zu Gott. Und gegen alle verzweifelte Fehlerhaftigkeit, vor dem Hintergrund des Untergangs dieser Familientradition am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, erlebt der agnostische Charles Ryder eine eigene Hinkehr zum Glauben. Die Gnade Gottes rührt ihn an, gerade durch die Zerbrochenheit der katholischen Familie hindurch, mit der er auf das Engste verbunden und befreundet war. Das ist sicher nicht der Punkt, den die meisten Leser als den bezauberndsten und wesentlichsten in Wiedersehen mit Brideshead sehen werden. Aber es ist diese Bewegung, die den Roman zu einer in sich geschlossenen Welt macht, in der man sich für eine Zeit verlieren kann. Und wie sieht sie aus, diese beschriebene Welt? Ganz menschlich, ganz poetisch. Verzweifelt und leidenschaftlich. Absurd und zärtlich. Alles findet in ihr seinen Platz.

Charles Ryder wird während des Zweiten Weltkrieges mit seinen Männern in ein anderes Ausbildungslager verlegt. Das Militär hat einen Teil des alten Anwesens Brideshead für seine Zwecke beschlagnahmt. Im Morgengrauen erkennt Charles, wo er sich befindet und seine Erinnerungen an diesen Ort und seine Bewohner setzen ein.

Es beginnt mit einer jener typischen Männerfreundschaften, die in den Colleges von Oxford geschmiedet werden. Charles Ryder hat sich Anfang der 20er für ein Geschichtsstudium eingeschrieben und entgegen aller gut gemeinten Ratschläge seines unerträglichen Cousins Jasper ein Zimmer im Parterre zum Hof hinaus genommen. Es kommt wie es kommen muss. Sebastian Flyte beugt sich auf dem Rückweg von einem recht ausschweifenden Umtrunk in das Fenster von Charles, um sich herzhaft zu übergeben. Was für ein Auftakt! Entschuldigt wird sich daraufhin mit Blumen und der Einladung zum Dinner. Wie es sich gehört. Hier also beginnt die innige Freundschaft zwischen dem gutbürgerlichen Charles und dem adligen Sebastian. Und es ist mehr als eine Freundschaft. Es ist eine liebevolle Anziehung, die auch über das Ästhetische geht. Man würde wohl heute offen sagen: homoerotisch. Einer jener Zwischentöne, die damals unter männlichen Studenten geduldet wurden. Charles jedenfalls liebt Sebastian innig und im Laufe ihrer Freundschaft wird Charles immer tiefer in die Welt von Sebastian gezogen. Er lernt seinen Teddybären Aloysius kennen, seine Nanny und bald auch die streng katholische Mutter und die drei Geschwister seines Freundes, obwohl Sebastian dies lange Zeit krampfhaft zu verhindern sucht.

Charles wird Zeuge des komplizierten Beziehungsgeflechts der Flytes. Der Vater der Familie lebt seit Jahren mit seiner Geliebten in Venedig. Die Mutter umsorgt mit der ihr eigenen Art die gemeinsamen Kinder. Man ist katholisch, eine Scheidung kommt daher nicht in Frage. Alle Energie der Mutter fließt also in die Erziehung der Kinder. In die katholische Erziehung. Dabei hat diese Art der Sozialisierung auf alle vier Geschwister eine sehr unterschiedliche Wirkung. Den Ältesten Bruder – Bridey genannt – trocknet es langsam von innen aus. Er genügt seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht. Julia, die attraktive Schwester von Sebastian, kann von ihrem Glauben nicht lassen, aber sie ist hungrig nach Leben und der Liebe. Sie sucht ihre Erfüllung in der Ehe und findet dort nur Leere, Langweile und Unglück. Die Jüngste, Cordelia, ist die Einzige, die sich ihren kindlichen Glauben bewahrt und ihn mit ihrem Wesen und ihrem Leben vereinbaren kann. Sebastian kann ähnlich wie Julia nicht vom Glauben lassen, aber auch er ist hungrig nach Leben. Er liebt seine Familie und ist doch ständig auf der Flucht vor ihnen, vor ihrer Sorge um ihn, die ihn schier erdrückt und nur noch tiefer in einen schleichenden Alkoholismus treibt. Auch der Tod der erdrückenden Mutter ändert nichts an dem tiefen Absturz des Sebastian Flyte, der schließlich als Laienbruder gnädige Aufnahme und Fürsorge in einem katholischen Kloster findet.

So erlebt Charles immer wieder Zeiten der Trennung und des Zusammenseins mit der ganzen Familie. Seine Karriere als Architekturmaler ist glänzend, seine Ehe hingegen scheitert und auch eine spätere, lange dauernde Affäre mit Julia, in der er immer wieder auch den verlorenen Freund Sebastian sieht und liebt, endet nicht in der erhofften Eheschließung. Über dem Totenbett des Herrn von Brideshead, der schließlich aus Italien in seine Heimat zurückgekehrt ist, um seine Angelegenheiten zu regeln, zerbricht die Verbindung von Charles mit der Familie, weil Julia erkennt, dass sie auf diese Weise nicht weiter leben will. Es ist ein trauriges Ende, aber es ist ohne Bitterkeit und voller Verständnis. Und als Charles später nach Brideshead zurückkehrt und in der Kapelle des Anwesens das Ewige Licht brennen sieht, schließt sich der Kreis.

Die Familie ist untergegangen, es gibt keine Nachkommen. Das Anwesen ist so gut wie verwüstet. Düstere Bilder des Untergangs werden beschworen. Und doch brennt ein hässliches, rotes Licht in der lächerlich dekorierten Jugendstil-Kapelle und erinnert daran, dass es etwas gibt, das darüber hinaus weist und zu dem jeder Einzelne der Flytes zurückgekehrt ist, um seinen Frieden zu machen. Denselben Frieden, den Charles Ryder jetzt mit seinen Erinnerungen macht, während er betet und zu seinen Aufgaben zurückkehrt.

In solcher Weise endet das Buch und diese Inhaltsbeschreibung ist ungenügend, denn sie kann nicht den sprachlichen Reichtum Waughs erfassen, die ausladenden Beschreibungen, die opulenten Schilderungen einer sterbenden Welt. Es gibt zahlreiche, hier nicht erwähnte Nebenfiguren, die eine eigene Betrachtung wert sind, autobiografische Parallelen zu Waughs Studienzeit und eigenem Leben und Erleben, mystische Bilder wie poetisch-prophetische Visionen, scheinbar deplatzierte Monologe, die Erklärungen transportieren, satirische Einschübe, die den Ernst der Romantik durchbrechen.

Ist es nun Waughs bester Roman? Technisch betrachtet ist er es nicht. Es gibt sehr viel straffere, brillantere Arbeiten von ihm, die in sich ein viel konsistenteres Bild ergeben. Aber Wiedersehen mit Brideshead ist ein Buch, das man lieben kann. Und darin besteht für mich die Güte dieses Werks, dass es trotz seiner Unvollkommenheiten irgendwie ein Ganzes ist, ob man nun mit dem Katholizismus und der seltsam wirkenden Gnade Gottes etwas anfangen kann oder nicht. Man muss einfach zugeben, dass dieses Zugrundeliegende auf eine sehr tröstliche, glücklich machende Weise Sinn stiftet. Die Absurdität des menschlichen Daseins verlangt nach etwas, das sie erträglich macht und das Leiden bleibt hier nicht ziellos. Es mündet in Gnade. So lese ich es. Andere mögen es anders lesen. Von mir gibt es wieder eine klare Empfehlung, sich mit dem Autor Waugh auseinanderzusetzen.

 
 

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Schrift und Tradition – Zwischen Krippe und Kirche

Schrift und Tradition – Zwischen Krippe und Kirche

Buchbesprechung zu:

„Jesus von Nazareth. Prolog. Die Kindheitsgeschichten“

von Joseph Ratzinger

Herder Verlag, Taschenbuchausgabe 2014, 135 Seiten ohne Anhänge

Vor mir liegen alle drei Teile der umfangreichen Abhandlung über „Jesus von Nazareth“, die der deutsche Ex-Papst Benedikt XVI. verfasst hat. Diese drei Bücher schwirren schon lange durch meine Regale. Sie haben öfter den Platz gewechselt, lagen mal auf dem Nachttisch, mal auf dem Wohnzimmertisch. Hin und wieder bin ich durch eines der Inhaltsverzeichnisse gegangen, habe die Klappentexte gelesen und auch mal die eine oder andere Seite aufgeschlagen. Quergelesen nennt sich das wohl… Warum habe ich dieses Leseprojekt nicht eher durchgezogen? Weil da eine Papst-Skeptik in mir ist? Ehrlich gesagt verbinde ich mit dem Amt des Papstes weder besonders negative noch positive Gefühle. Ich bin nicht katholisch geprägt, war aber oft genug in Kontakt mit katholischen Gläubigen und Geistlichen. Da ist also keine Abneigung oder Feindschaft. Eher eine tiefe Überzeugung, dass jenseits aller historischen und theologischen Grabenkämpfe immer noch gilt: „Der Herr sieht das Herz an.“ Also warum nicht einem Papst zuhören (bzw. „zulesen“…)? War es die Befürchtung, komplizierte, theologische Gedankengänge und Begriffe nicht verstehen zu können, eine zähe Lektüre vor mir zu haben? Dafür bin ich schon zu lange selbst in der Schrift und im Gemeindeleben unterwegs, als dass mich diese Dinge wirklich abschrecken könnten.

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Es verhält sich vielmehr so, dass durch das Buch auch immer die Stimme desjenigen spricht, der es verfasst hat. Es ist sozusagen eine menschliche Begegnung auf anderer Ebene. Mit dem Öffnen der Seiten lädt man jemanden in seine Wohnung, in sein Herz ein. Man lässt es zu, einen ganz Anderen kennenzulernen, sich demütig zu verhalten und ihm zuzuhören. Dazu muss man in der Lage sein. Die Situation muss passen, eine arrangierte Begegnung muss manchmal dem Kennenlernen dienen. Ein solcher Anlass war für mich der Beginn der diesjährigen Adventszeit. Aus Bequemlichkeit habe ich also zu dem dritten und letzten Band der Reihe gegriffen, weil er der schmalste von allen ist und gesondert die Texte des Neuen Testamentes behandelt, die über Geburt und Kindheit Jesu sprechen. Passend zur Jahreszeit und passend als Einstieg in das Ganze.

Wie ist es mir also ergangen bei dem kurzen Stelldichein mit einem ehemaligen Papst? Es ist die Stimme eines ruhigen, zutiefst überzeugten und sanftmütigen Gelehrten, die einem aus den Seiten entgegenweht. Es verwundert mich kaum, dass ein solcher Mann nur ein relativ stiller „Übergangspapst“ gewesen ist und sich aus diesem Amt wieder zurückgezogen hat. Er ist mehr ein Mann der geistlichen Kontemplation und Lehre wie mir scheint, weniger ein tatkräftiger Anführer für eine Machtposition. Seine Bekanntheit über dieses Amt hat gewiss den Anklang seiner Bücher mit beeinflusst, auch wenn es sich so oder so lohnt, Ratzingers Ausführungen zu folgen.

Er bleibt nah an den eigentlichen Texten des Neuen Testamentes, schöpft direkt aus der Schrift, übersetzt die Bibelstellen sogar selbst aus den Urtexten, gibt Querverweise zu alttestamentarischen Parallelstellen und Prophetien, die in die Berichte von Jesu Geburt und Kindheit mit einfließen. Für mich war diese Herangehensweise erstaunlich „protestantisch“ – Sola Scriptura. Darüber hinaus erklärt er auch kirchliche Traditionen, die sich aus der jahrhundertelangen Lektüre dieser Texte gebildet haben. Was suchen Ochs und Esel bei der Krippe, obwohl im Neuen Testament nirgends die Rede von ihnen ist? Was hat es mit den Heiligen Königen auf sich, obwohl es doch im Text nur Sterndeuter sind? All diese Fragen berührt Ratzinger und er versöhnt Treue zur Schrift mit den liebgewordenen Traditionen der Kirche und ihrer Gläubigen.

Besonders erhellend waren für mich als „Nicht-Katholikin“ die Passagen über die Mutter Jesu. Ihr Herzensglaube, ihr Bewahren der Worte in ihrem Herzen, geben ein wunderschönes Bild und Vorbild für das eigentliche Wesen der Kirche und des Glaubens. Maria ist nicht nur die Mutter Jesu, sondern in gewisser Hinsicht auch die Mutter aller Gläubigen. Ihre besondere Verehrung in der katholischen Tradition wird auf diese Weise für mich etwas nachvollziehbarer, wenn ich auch immer das Beten zu ihr als etwas sehen werde, das ich niemals von Herzen tun könnte. Ratzinger bleibt jedoch auch hier ganz bei der Schrift wie überhaupt in allen Kapiteln.

Darüber hinaus versäumt er es nicht, auch Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen. Wie verhält es sich mit der Historizität der Berichte? Sind sie eine theologische Dichtung oder sind sie die Wiedergabe der tatsächlichen Ereignisse? Ratzinger findet stimmige Argumente für die Authentizität der Schrift. Er ist ein von Herzen Überzeugter, aber er präsentiert auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die diese Überzeugung stützen. Es ist in dieser Hinsicht ein Buch für bereits Gläubige, die nach Festigkeit für ihr Wissen um die Lebensgeschichte Jesu suchen. Es kann jedoch auch einen guten Einblick für dem Glauben und der Kirche fern Stehende bieten. Denn der Ton bleibt stets sachte und klar. Das Buch ist eine Antwort auf die Frage: Was genau glauben Christen eigentlich in Hinsicht auf den Beginn des Lebens Jesu? Nehmen sie das alles ernst? Wenn ja, warum? Die Antworten sind eindeutig und in gewisser Hinsicht gar ökumenisch zu nennen, denn die Auslegungen und Deutungen der Kindheitsgeschichten Jesu sind – bis auf ein paar spitzfindige, theologische Details – den meisten aktiven und durchschnittlich gebildeten Gläubigen aller Denominationen hinlänglich bekannt.

Der Prolog zu „Jesus von Nazareth“ ist ein Buch, das jeder Interessierte mit Gewinn lesen kann, ob gläubig oder nicht. Sicherlich ist eine gewisse Vorbildung hilfreich, doch die Ausdrucksweise Ratzingers ist erstaunlich verständlich und meidet weitestgehend zu komplizierte, theologische Begriffe. Für alle diejenigen, die so gar keinen Zugang zu Bibel und Kirchentradition haben und denen jegliches Vorwissen fehlt, gibt es einen wirklich ausführlichen Anhang mit Erklärungen. Einer Lektüre steht also nichts im Wege, es sei denn, man ist völlig uninteressiert. Ich jedenfalls bin von diesem kleinen Büchlein sozusagen „angefixt“ und werde diesem Beitrag zwei weitere über die nächsten Teile von „Jesus von Nazareth“ folgen lassen.

 
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Verfasst von - 22. November 2016 in Buchbesprechungen

 

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