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Archiv der Kategorie: Buchbesprechungen

Lebensregeln

Lebensregeln

Buchbesprechung zu:

„The Rule of the Society of Saint John the Evangelist“

North American Congregation

A Cowley Publications Book

Lanham, Chicago, New York, Toronto, and Plymouth, UK

1997 – Edition 2009

123 Seiten – Taschenbuch, Print on Demand

 

[[Die deutsche Übersetzung dieses Titels:

Gemeinsames Leben in Christus. Eine evangelische Klosterregel: Sozietas des heiligen Johannes des Evangelisten.

Nordamerikanische Kongregation

Übersetzer: Maximilian Bergmayr

147 Seiten – Taschenbuch (kleineres europäisches Format)

EOS Verlag 2007]]

 

(Text auf der Umschlag-Illustration: Lateinisch „Et verbum caro factum est“ – Übersetzung: „Und das Wort wurde Fleisch“ – Johannesevangelium Kapitel 1, Vers 14)

 

Warum?

Warum bespreche ich dieses Buch auf dem Blog? Weil ich es kann und es mein Blog ist. Aber Spaß beiseite. Wie komme ich dazu, eine Klosterregel zu lesen? Noch dazu die Regel einer Gemeinschaft von Männern, die Gelübde der Armut, des Zölibats und des Gehorsams abgelegt haben? Das ist meiner Lebensrealität zunächst völlig fern (weiblich, verheiratet und überhaupt). Außerdem liegt es nahe, bei all den negativen Nachrichten über zölibatäre Männer der ganzen Sache ziemlich skeptisch gegenüberzustehen. Aber jeder Mensch hat, ob bewusst oder unbewusst, eine Art Lebensregel, nicht nur anglikanische Mönche. Zu meinen persönlichen Prinzipien gehört es, sich erst einmal auf die innere Gedankenwelt des mir Fremden einzulassen, ehe ich Schlussfolgerungen ziehe. Also warum lese ich die Ordensregel der „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“? Weil ich es kann, weil ich es will und weil ich auf meinem eigenen Glaubens-Weg darauf gestoßen bin. Eine Freundin und mich hat für etwa ein Jahr lang in gemeinsamen Treffen die Lektüre des Johannes-Evangeliums beschäftigt. Wie es dazu kam, ist eine eigene, lange Geschichte… Internet macht es möglich, dass man in gelangweilten Momenten Meister Gugel befragt (oder wir nennen es einfach „Recherche zu einem aktuellen Lebensthema“). So stieß ich auf die Gemeinschaft der Mönche, die sich besonders dem Evangelium des Johannes verpflichtet fühlen. Dabei fand ich heraus, dass man ihnen sogar im Sozialen Netzwerk folgen kann. Mönche, die eine F[…]Seite betreiben? Ja, so etwas gibt es. Und es scheint recht einmalig zu sein, dass eine Ordensgemeinschaft derart bereitwillig ihre eigene Lebensregel der Allgemeinheit problemlos zugänglich macht. Tatsächlich kann man die komplette Regel ohne Hindernisse kostenfrei (!!!) online lesen oder – wenn man ein Freak wie ich ist – es auch auf Papier gedruckt anfordern (nicht kostenfrei, aber immerhin kostengünstig).

Was ist es?

Die „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“ ist eine 1866 von Richard Meux Benson in Oxford, England gegründete Ordensgemeinschaft für Männer innerhalb der Anglikanischen Kirche. Obwohl von der Katholischen Kirche abgetrennt, ist die Anglikanische Kirche in Struktur und Ritus der Katholischen Kirche sehr viel näher als andere Abspaltungen. Soviel zur Verortung der Denomination. In den USA und Canada wird diese Kirche „Episkopalkirche“ genannt, in Anlehnung an die Organisation auf Bischöfe als Oberhäupter hin. Das vorliegende Buch ist die schriftlich fixierte Ordensregel der Nordamerikanischen Kongregation der „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“. Die Ausformulierung der Regel des Ordens begann 1988 und sollte binnen drei oder vier Jahren fertig gestellt sein. Erst 1996 war jedoch dieser Findungsprozess beendet und ab 1997 ist die Regel der Allgemeinheit zugänglich. Der Orden selbst empfand eine Notwendigkeit der inneren Neuordnung und klareren Ausrichtung im Angesicht der Herausforderungen moderner Zeiten. Geworden ist daraus eine Art spirituelles Kondensat, das jedem willigen Leser Türen öffnet. Türen zu einer tieferen Freundschaft mit Gott, wie es im ersten Kapitel der Regel heißt. Türen zu einer Bewusstwerdung eigener Lebensregeln. Türen zu Gott und dem Nächsten.

Lektüre

In 49 Kapiteln werden die einzelnen Punkte der Ordensregel behandelt. Jedes Kapitel erstreckt sich über maximal zwei Seiten (Bei der deutschen Übersetzung können es auch zweieinhalb werden, der anderen Sprache und dem kleineren, europäischen Taschenbuchformat geschuldet). Wer mit der Lektüre solcher Werke nicht vertraut ist, tut gut daran, die Hinweise im Anhang zu beachten. Die Abschnitte sollen nach Art der „lectio divina“ („göttliches“ oder „heiliges“ Lesen) verinnerlicht werden. Das bedeutet sehr langsames, nachsinnendes Lesen der einzelnen Sätze. Jeder Satz ist äußerst überlegt formuliert und transportiert Bedeutung und Inhalt. Der ganze Reichtum an kirchlicher Tradition, Beschäftigung mit der Schrift (vor allem mit dem Evangelium des Johannes), der Lehre des Ordensgründers und der Erfahrung gemeinschaftlichen Zusammenlebens und miteinander Glaubens steckt darin. Ob man nun mit dem Ordensleben, kirchlicher Geschichte oder überhaupt dem christlichen Glauben viel oder gar nichts anfangen kann, so ist die Bedeutungsschwere der Texte nicht zu leugnen. Mir selbst ist es nicht gelungen, mehr als ein oder zwei Abschnitte am Tag zu lesen. Erfahrungsgemäß bin ich eine schnelle Leserin, aber es ist schlicht nicht möglich, die Regel eilig zu überfliegen. Dabei sind die Sätze keineswegs kompliziert formuliert. Die Sprache ist klar und einfach, geprägt von knappen oder zumindest stark unterteilten Sätzen, zerlegt in getrennte Absätze. Aber immer wieder stolpert man über den einen oder anderen Satz, der die eigene Lebenserfahrung ziemlich tief trifft. Ohne Innehalten ist es nicht machbar, das Buch zu lesen. Die Schätze hinter den Formulierungen wollen geborgen werden. Die Kapitel laden zum mehrmaligen, regelmäßigen Lesen ein. Tatsächlich werden sie in der täglichen Andacht der Mönche wieder und wieder gelesen und verinnerlicht, denn es ist schließlich ihre Regel, nach der sie sich ausrichten und deren Ideale sie in ihrem Zusammenleben und in ihren Diensten erstreben. Für Außenstehende gibt es im Anhang eine Art Leseanleitung, Empfehlungen zu Kapiteln, die auch für Menschen relevant sind, die in keiner Ordensgemeinschaft leben oder eben der oben genannte Hinweis auf die lectio divina, sowie der Wunsch, dass sich für den Leser die Möglichkeit zur Formulierung einer eigenen Lebensregel ergibt. Wie kann ich meine eigene Beziehung zu Gott vertiefen? Wie kann ich meine Beziehungen zu den Mitmenschen, Familie, Arbeitskollegen oder Mitgliedern einer kirchlichen Gemeinschaft, der ich angehöre, vertiefen bzw. so gestalten, dass sie meine innere Bereitschaft, auf Gottes Versöhnungsangebot einzugehen auch im Alltag, im Miteinander wiederspiegeln? In welchem Maße kann ich Spiritualität in meiner Lebenswelt integrieren?

Inhalt

Was also enthält die Lebensregel für einen Männerorden? So ziemlich alles, was das Zusammenleben von Menschen im Allgemeinen und das Leben eines gläubigen Christen im Besonderen betrifft. Anders kann man es nicht zusammenfassen.

Selbstverständlich bilden die auf das Ordensleben bezogenen Inhalte den Kern der Regel, etwa die Aufnahme von neuen Mitgliedern, die Rolle des Klostervorstehers, Sinn und Inhalt der drei zentralen Gelöbnisse Enthaltsamkeit, Gehorsam und Armut. Gerade als verheiratete Person fragt man sich, ob einen die Gedanken zum Zölibat überhaupt etwas angehen. Das Kapitel dazu überrascht jedoch auf ganzer Linie und hält auch Gedanken zur Ehe und zum Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung bereit. Etwas derart Offenes und Aktuelles erwartet man nicht. Ehe und das Dasein als alleinstehende Person werden als unterschiedliche Weg zur Reife des Menschseins und der Reife im Glauben begriffen. Es kommt auf die eigene Reflexion des jeweiligen Standes an und die persönliche Offenheit in der Beziehung zu Anderen und zu Gott. Auch das Gelöbnis der Armut erhält im Licht globalen Kapitalismus-Strebens plötzlich eine hohe Brisanz. Die Frage, was ich wirklich brauche und welche Besitztümer eigentlich nur eine innere Leere oder Beziehungsarmut ausfüllen sollen, gehen nicht nur Mönche etwas an, sondern auch und gerade den Konsumenten moderner Gesellschaften.

Es wird klar, dass ein Mensch, der diese Gelöbnisse ablegt, in einer zweifachen Tradition lebt. Erstens will er oder sie das Menschsein Jesu auf Erden möglichst treu nachleben, eine intensive Form der Christus-Nachfolge praktizieren. Wie Jesus lässt der Mönch die Besitztümer der Welt hinter sich und richtet sich auf das „Reich Gottes“ aus. Wie Jesus lebt der Mönch ehelos, weil er sich ganz auf Gott ausrichten möchte. Und wie Jesus gibt der Mönch einen Anspruch auf sich selbst auf und ordnet sich der Lebensregel unter. Der zweite Faden der Tradition reicht zurück zum „Samen der Kirche“, zu den Märtyrern. Wie die Märtyrer gibt der Mönch sein Leben auf, er gibt es hin. Monastische Lebensformen haben sich auch aus dem Wunsch heraus entwickelt, wie die Märtyrer das Leben ganz zu opfern, als die Verfolgung der Christen längst nicht mehr Alltäglichkeit war. Das Dasein als Mönch oder Nonne soll also Nachfolge und Hingabe ganz besonders widerspiegeln und Vorbild und Ansporn für alle andere Gläubigen jeden Lebensstandes sein. Ganz gleich wie man nun zu dieser Form des Lebens steht, muss man doch die Hingabe und Ernsthaftigkeit eines solchen Weges anerkennen.

Darüber hinaus bietet die Regel der „Gesellschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“ aber auch vielfältige Schnittpunkte mit dem Glaubens- und Alltagserleben aller Christen. Jeder, der auch nur ansatzweise versucht, mit anderen Menschen so zu interagieren, dass aus den von Jesus geforderten Grundsätzen der Nächsten- und Feindesliebe Realität wird, weiß, wie hart und fast unmöglich es oft sein kann. Generell gilt: ich wäre ja ein guter Mensch, wenn es da nicht die anderen Menschen geben würde… Unser Fortschritt im Glauben oder in unserer Reife als Mensch beweist sich genau darin, wie wir mit Anderen umgehen, ob wir zu Nachsicht und Vergebung fähig sind und wie wir mit Verletzungen und Konflikten umgehen, ohne sie eskalieren zu lassen. In einer geschlossenen Ordensgemeinschaft sind die Menschen einander so nahe wie Familie. Schwierigkeiten bleiben da nicht aus und in den einzelnen Abschnitten nimmt ein großer Teil der Reflexionen genau darauf Bezug. Nie werden die Augen davor verschlossen, dass hier unterschiedlichste Menschen in engen Bezügen miteinander auskommen müssen. Themen wie gegenseitige Achtung von Grenzen, Überwindung eigener Ressentiments und die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören und ihn zu verstehen haben nicht nur unter gläubigen Christen Relevanz.

Bedeutung / Empfehlung   

Die Ordensregel der „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“ gehört zu jenem Lesestoff, der auf mehreren Ebenen verstanden werden will und jeder Leser wird eine unterschiedliche Anzahl von Hintergründen und Ebenen identifizieren und entsprechenden Gewinn daraus ziehen. Ich persönlich bin nicht vertraut mit der Lehre des Ordensgründers. Diese Ebene wird mir bei der Lektüre also nur indirekt zugänglich gemacht. Anders verhält es sich mit den Bezügen zum Evangelium des Johannes, zur Schrift im Allgemeinen und der kirchlichen Tradition. Eine gewisse Vorbildung ist hilfreich, um die besondere Tiefe und Bedeutung der andächtigen Abschnitte nachvollziehen zu können. Aber selbst ohne jede Vorkenntnis bleiben jedem Leser immer noch zwei weitere Ebenen offen: man erhält einen einzigartigen, warmherzigen Einblick in das Innenleben eines christlichen Ordens und die angesprochenen Themen gerade der Zwischenmenschlichkeit knüpfen an bekannte Alltagserfahrungen an. Es ist tatsächlich ein Text, der jedem Leser unterschiedlichste Türen öffnet.

Ganz entscheidend ist der innige, warme Tonfall, der sich durch sämtliche Kapitel der Ordensregel zieht. Die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit ist wohltuend, geradezu Balsam für die Seele. Allein die Tatsache, dass es 8 Jahre benötigt hat, ehe dieser Text vorlag, spricht für das vielschichtige und hingebungsvolle Bemühen. Man spürt den Geist und die Liebe in den Seiten. Darin zu lesen ist tatsächlich wie eine Art Klosterurlaub. Für den Unkundigen eine erholsame Reise und ein erster, angenehmer Kontakt mit der besonderen Spiritualität des Ordenslebens. Für den Gläubigen eine Vertiefung seiner Freundschaft mit Gott.

„For us no honor exists that could be greater than Jesus calling us his friends.  The more we enter into the fullness of our friendship with him, the more he will move us to be friends for one another, and to cherish friendship itself as a means of grace.  The forging of bonds between us that would make us ready to lay down our lives for one another is a powerful witness to the reality of our risen life in Christ.  In an alienating world, where so many are frustrated and wounded in their quest for intimacy, we can bear life-giving testimony to the graces of friendship as men who know by experience its demands, its limitations and its rewards.” Kapitel 42, Seite 84

(Es gibt für uns keine größere Ehre, als dass uns Jesus seine Freunde nennt. Je mehr wir in die Fülle unserer Freundschaft mit ihm eintreten, umso mehr wird er uns dazu bewegen, Freunde füreinander zu sein, und Freundschaft selbst als ein Mittel der Gnade zu schätzen. Die Bande der Freundschaft zwischen uns zu schmieden, macht uns bereit, unser Leben füreinander zu geben, und ist ein machtvolles Zeugnis für die Realität unseres auferstandenen Lebens in Christus. In einer sich entfremdenden Welt, in der so viele Menschen frustriert und verwundet sind in ihrer Suche nach Intimität, können wir Männer ein lebenspendendes Zeugnis von den Gnaden der Freundschaft geben, weil wir aus Erfahrung um das Fordernde der Freundschaft, um ihre Grenzen und ihren Lohn wissen.“ Seite 108 in der Übersetzung)

 

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Von Jesus zu Christus – der Mensch und der Gott in und hinter den Worten…

Von Jesus zu Christus – der Mensch und der Gott in und hinter den Worten…

Buchbesprechung zu:

„Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“

Von Joseph Ratzinger

Herder Verlag, Taschenbuchausgabe 2007, 407 Seiten ohne Anhänge

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass ich einen kleinen Text zur Leseerfahrung mit dem dritten Teil der Abhandlung Ratzingers über Jesus von Nazareth verfasst habe (nachzulesen hier). Tatsächlich ist der kurze Band über Geburt und Kindheit Jesu nur eine Art Nachschrift, die der Vollständigkeit halber den ersten beiden Bänden beigefügt wurde. Das mindert nicht ihre Qualität in der Ausführung, wohl aber gibt es einen Unterschied zu der eigentlichen Abhandlung in zwei Bänden, die von Jesu Taufe bis zur Auferstehung reicht.

Denn die Geburt und Kindheit Jesu ist in den Evangelien in sehr dünnen Texten ausgebreitet. Das hat zwei Gründe. Erstens ist die Kindheit des jüdischen Zimmermannssohnes bis auf die dramatischen Ankündigungen und Prophetien ebenso unspektakulär verlaufen wie die eines jeden anderen jüdischen Jungen jener Zeit. Gott wurde Mensch, eben auch darin, dass die Kindheit wie jede andere Kindheit eine Kindheit war. Was die Schreiber der Evangelien mehr interessierte, was für die frühen Gläubigen wesentlich und wichtig war, ist nicht eine vollständige Biografie. Es ist der Mann Jesus in seinen Worten und Taten, es ist der Vater Gott, den Jesus verkündet hat. Das ist es, was uns die Evangelien vor allem vermitteln wollen.

Darin liegt auch eine der Ursachen, warum viele Menschen, die so ziemlich gar nichts mit dem Christentum am Hut haben, die Weihnachtsgeschichte ja doch ganz kuschelig und heimelig finden: es ist eben ein großes Wenig, dem man in der Fantasie alle möglichen Gedanken und Gefühle beimischen kann. Traditionen überlagern vielfach diese eigentlich nur kurze und gar nicht romantische Geschichte der Geburt Jesu. So hat Ratzinger in dem schmalen dritten Band gerade auch einen Weg von der Tradition zurück zu den Texten und von den Texten wieder zur Tradition gesucht und auf diese Weise den Anfang des Lebens Jesu ausgedeutet. Der dritte Band ist faszinierend und anregend, doch er ist nur eine nette Beigabe, vergleicht man ihn mit dem Hauptwerk.

Nun also habe ich mich durch den ersten Teil der umfassenden Abhandlung über Jesus von Nazareth gelesen und gewühlt. „Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“ reichen die Ausführungen Ratzingers zu Jesu Leben und Wirken. Warum gerade bis zu diesem Punkt? Weil der Passionsgeschichte – nämlich dem Weg nach Jerusalem, den letzten Reden Jesu, dem Abendmahl, der Kreuzigung und Auferstehung – ein eigener, zweiter Teil gewidmet ist. Im ersten Teil, von dem in diesem Beitrag die Rede sein soll, wird die Lehre Jesu herausgestellt, das Eigene und Neue daran, bis hin zum Ereignis der Verklärung. Warum ausgerechnet diese Geschichte, in der Jesus mit seinen engsten Jüngern auf einen Berg steigt und vor ihren Augen – sagen wir: zu „leuchten“ beginnt? Weil die Jünger, vor allem Petrus, ihn an diesem Punkt plötzlich als das erkennen, was er ist und von sich selbst bis dahin Stück für Stück in all seinen Reden und Taten offenbart hat.

Sie erkennen in ihm denjenigen, in dem Gott selbst anwesend ist – und zwar so, dass er mit Gott völlig eins ist – „Wesensgleich“ (homoousios), wie es traditionell das Glaubensbekenntnis der Kirchen bis heute formuliert. Jesus als der „Menschensohn“, der Mensch, der vollkommen Mensch ist und wahrer Mensch. Und Jesus als der „Sohn“, der Sohn, der den Vater offenbart und eins ist mit dem Vater und nur mit ihm zusammen gedacht und erkannt werden kann, Jesus als der wahre Sohn des Vaters, wahrer Gott. Auf diesen Kern des kirchlichen Glaubensbekenntnisses läuft der erste Teil von Ratzingers Abhandlung hinaus. Gleichzeitig wird diese Offenbarung immer zusammen gedacht mit der Passion, mit dem Erkennen der Sohnschaft Jesu sich andeutend und entfaltend. Das öffnet schließlich den Weg für den zweiten Teil, der hier noch nicht Thema ist.

Joseph Ratzinger arbeitet sich vor allem an den großen, bekannten Texten der vier Evangelien ab. Die Taufe und Versuchung Jesu, die Bergpredigt, das Vaterunser, die bekannten Gleichnisse wie das vom Verlorenen Sohn, die Bildworte (Guter Hirte, Weinstock, Brot usw.) des Johannesevangeliums. Selbst den meisten Nichtgläubigen dürften einige, wenn nicht sogar alle dieser Passagen bekannt sein. Den Gläubigen sind diese Texte beinahe schon zu bekannt. So bekannt, dass sie manchmal nicht mehr sehen, was in ihnen eigentlich verborgen liegt. Mit dieser Frage geht Ratzinger an die Texte heran. Was will Jesus uns mit dem Gleichnis sagen? Worauf will er hinaus? Wovon und von wem redet er? Was ist die eigentliche Botschaft, die er in diese Welt gebracht hat? Die Antwort lautet für Ratzinger ganz klar: er meint sich selbst, denn er gibt sich selbst, schenkt sich der Welt. Darum muss man in den Reden und Taten Jesu immer ihn selbst suchen. Die Auslegung der Bibelstellen ist daher vollkommen christologisch. Dabei lässt Ratzinger jedoch weder traditionelle noch moderne Auslegungen einfach außen vor. Er schöpft natürlich aus einem langen Theologenleben. Durch all dieses Wissen hindurch sucht Joseph Ratzinger dabei auch den Jesus, den er selbst sein Leben lang gesucht und Stück für Stück gefunden hat.

Das Ergebnis ist ein äußerst verdichteter Text. Ganze Passagen und Kapitel werden plötzlich zu einer glasklaren, messerscharfen Formulierung zusammengeführt, in der all das enthalten ist, was man gerade gelesen hat. Einerseits macht es bei aller Theologie das Buch lesbar und verständlich, andererseits verharrt man beim Lesen oft minutenlang und muss erst einmal begreifen, was man da gerade begriffen hat. Insofern ist Ratzingers Abhandlung auch eine echte Herausforderung. Denn wir haben es hier nicht nur mit einem tief überzeugten Gläubigen zu tun, sondern mit einem Mann, der tatsächlich denken kann! Und das ist allerorten selten in diesen Tagen. Was Ratzinger in den Evangelien liest und über Jesus folgert, das ist niemals ohne breites Fundament. Sein Christus-Bild ist kohärent. Diese Denkarbeit muss man anerkennen, auch wenn man nicht gläubig ist. Ich bin es und kann daher dankbar nachvollziehen, dass ein solch klar denkender Mensch mit einem so persönlichen Buch über Jesus in den Dialog mit anderen tritt.

Wie schon beim kleinen, dritten Bändchen ist das Lesen des Buches sicher ein Gewinn für Gläubige wie Nichtgläubige. Wer wissen will, was das Christentum im Innersten ausmacht, nämlich die zentrale Ausrichtung auf Jesus Christus, und was diese Ausrichtung auf Christus hin eigentlich bedeutet, dem sei das Werk Ratzingers wirklich empfohlen. Allerdings schadet es nicht, ein wenig Vorwissen zu haben, in groben Zügen über biblische Zusammenhänge und religiöse Traditionen Bescheid zu wissen, wenn auch die Anhänge des Buches wieder sehr ausführlich sind. Vergessen wir nicht: Ratzinger ist vor allem Theologe und Gelehrter und er schreibt, wenn auch verständlich und klar, für ein gebildetes Publikum.

Es wäre müßig, die einzelnen Gedankenstränge dieses Buches aufzuzählen, dennoch verdienen einige Punkte besondere Erwähnung. So bricht Joseph Ratzinger in seinen Ausführungen ganz klar mit alten theologischen Traditionen, die in den Texten der Evangelien Gegensätze, gar Feindseligkeit zwischen Juden und Christen sehen wollten. In seinem eigenen Denken distanziert er sich klar davon und sucht den versöhnlichen Weg. Er schöpft tief aus der hebräischen Tradition und erklärt Jesu Reden und Taten gerade auch aus den Zusammenhängen jüdischer Lebenswelt und Religiosität. Überhaupt werden viele Ereignisse erst verständlich vor dem Hintergrund des jüdischen Festkalenders, so im Fall des Wasseropfers beim Laubhüttenfest:

„So weist das Wort vom Laubhüttenfest nicht nur voraus auf das neue Jerusalem, in dem Gott selbst wohnt und Quell des Lebens ist – es weist unmittelbar voraus auf den Leib des Gekreuzigten, dem Blut und Wasser entströmen (Joh. 19,34)…“ (S. 290)

Ratzinger spricht in seinen Ausführungen zur Bergpredigt ganz bewusst von der „Tora des Messias“. Jesus predigt nicht gegen die Traditionen des Judentums, sondern er nimmt die Gesetze Gottes und legt sie wie jeder jüdische Lehrer aus. Der Unterschied besteht darin, dass er die Gesetze im Grunde noch verschärft, denn er legt sie auf sich selbst hin aus. Jesus wird selbst zur Tora, der die Jünger folgen. In seinem Beispiel und in der Nachfolge erfüllen die Jünger das Gesetz Gottes, welches in Jesus offenbart und erfüllt ist.

Überrascht hat mich wie auch schon bei der Lektüre des dritten Bandes die sanftmütige Stimme des Autors. Er redet trotz aller Gelehrigkeit nicht von oben herab, sondern lässt uns gleichsam Teil haben an seinem eigenen inneren Dialog mit der Schrift. Er findet viele versöhnliche und verständnisvolle Worte und in manchen Passagen klingt doch auch ein wenig der Papst hindurch, der sich um den Zustand der Welt und den Zustand der Gläubigen sorgt, aber in einer Weise, die ihn liebenswürdig klingen lassen, geradezu naiv bekümmert.

Ein letztes Zitat, das mich aus persönlichen Gründen sehr angesprochen hat, soll diesen Beitrag abschließen:

„Schuld ist eine Wirklichkeit, eine objektive Macht, sie hat Zerstörung angerichtet, die überwunden werden muss. Deshalb muss Vergebung mehr sein als Ignorieren, als bloßes Vergessenwollen. Schuld muss aufgearbeitet, geheilt und so überwunden werden. Vergebung kostet etwas – zuerst den, der vergibt: Er muss in sich das ihm geschehene Böse überwinden, es inwendig gleichsam verbrennen und darin sich selbst erneuern, so dass er dann auch den anderen, den Schuldigen, in diesen Prozess der Verwandlung, der inneren Reinigung hineinnimmt und sie beide durch das Durchleiden und Überwinden des Bösen neu werden.“ (S. 193)

So sucht dieses Buch tatsächlich Versöhnlichkeit. Auch die Versöhnlichkeit von Denken und Herzensglauben. Und diese Versöhnlichkeit gibt es nicht als billiges Angebot. Glauben ist immer auch Ringen und Fragen und immer neu das Suchen nach der Antwort, die in Christus zu finden ist. Das Angesicht Jesu zu suchen ist eine lebenslange Übung. An der eigenen Art dieser Übung hat uns Joseph Ratzinger in seiner Abhandlung Teil haben lassen und fordert uns dazu heraus, selbst die Schrift und den eigenen Glauben zu befragen und den wahren Menschen und den wahren Gott zu suchen und zu finden.

 
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Verfasst von - 12. Dezember 2017 in Buchbesprechungen

 

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Gesetz und Leben

Gesetz und Leben

 

Buchbesprechung zu:

„Unorthodox

Eine autobiographische Erzählung

von: Deborah Feldman

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Ruzicska

Diese Ausgabe: 3. Auflage Taschenbuchausgabe btb Random House 2017

371 Seiten

 

Beginnen wir mit einem kleinen Exkurs: In der bekannten US-Fernsehserie „Dr. House“ begegnen wir in der 4. Staffel in Folge 12 („Shalom, Dr. House“) einem interessanten Pärchen: Roz Viner und Yonatan Arnoff. Sie sind frisch vermählt und die Braut ist auf den Hochzeitsfeierlichkeiten zusammengebrochen. Die Ursache ist rätselhaft, die beiden sind außerdem praktizierende orthodoxe Juden, ihre Heirat demzufolge arrangiert. Und damit ist diese Geschichte natürlich die perfekte Aufgabe für den dauervollgedröhnten, zynisch-atheistischen Spezialisten für Infektionskrankheiten. Denn es ist eine seiner Vorlieben, den Glauben anderer Menschen in Frage zu stellen und mit bösartiger Freude die irrationalen Gedankengebäude seiner Patienten zu zerlegen. Interessanterweise ist der Held der Serie hier verhältnismäßig zurückhaltend, wenn man seinen Umgang mit religiösen Patienten in anderen Folgen vergleicht. Der Grund: In der Serie haben wir nicht nur großspurige Anleihen bei der Romanfigur Sherlock Holmes und es geht auch nicht nur um abenteuerlich zusammenrecherchierte Krankheitsbilder und Diagnosen. Der Fan der Serie lernt über die einzelnen Staffeln hinweg vor allem Einiges über eine vielfältig ausgeprägte jüdische Kultur in den Vereinigten Staaten. Bis auf Dr. House selbst scheinen fast alle Hauptfiguren der Serie einen mehr oder weniger stark geprägten jüdischen Hintergrund zu haben. Der beste Freund und die Leiterin des Krankenhauses zählen dazu, später auch einer der engeren Mitarbeiter im Team um Dr. House. Es handelt sich hier vor allem um ein säkulares, aufgeklärtes und gut gebildetes Judentum. Man teilt gemeinsame kulturelle Werte, aber nicht unbedingt eine wirklich praktizierte, strenge Religion. Gleichwohl ist dieser Hintergrund ein absolut prägendes Element der Serie, weshalb die Begegnung mit dem orthodoxen Judentum in der erwähnten Folge umso faszinierender erscheint. Der Zuschauer wird hier auf eine Fährte gebracht: In den USA gibt es in sich geschlossene Gemeinschaften orthodoxer Juden, die vom Großteil der liberalen jüdischen Gemeinschaft äußerst kritisch beäugt werden.

In solch eine verschlossene Welt führt uns das Buch „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Sie schreibt über ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde in New York. Satmar ist eigentlich der Name eines kleinen osteuropäischen Städtchens. Von dort kommen die Gründer her. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden der orthodoxen Gemeinschaft, jene, die den Holocaust überstanden haben und die Ursache des entsetzlichen Leidens darin sehen, dass die Juden in Europa sich über die Jahrhunderte immer mehr assimiliert haben. Die Anpassung an ihre Umwelt war der Anlass für Gottes Zorn über sein Volk. Um den Zorn Gottes für die künftigen Generationen im Zaum zu halten, besinnt man sich auf die besonders strenge und genaue Einhaltung der Thora. Dazu gehört auch eine weitestmögliche Abgrenzung gegen die Goyim, die Nicht-Juden. In der Emigration in den USA finden solche Gemeinschaften eine neue Heimat, die ihnen erlaubt, so zu leben. „The Land of the Free“ bietet eben auch streng religiösen Gemeinschaften die Möglichkeit, frei unter sich zu leben wie sie es wollen. Eine solche Art der Verschlossenheit wäre trotz aller Toleranz und Religionsfreiheit im „alten“ Europa nur schwer möglich. Die USA bieten hier den Raum dafür.

Trauma und Angst suchen sich nicht selten den Weg in ein Gefängnis, welches vorgibt, Sicherheit vor dem Bösen zu bieten. Und doch werden wieder nur neue Ängste und Traumata produziert. Schlimmer noch: sie werden übertragen auf die folgende Generation. Genau dies ist sozusagen das psychologische Grundmotiv dieser autobiografischen Erzählung.

Hier wird vom literarischen Konstrukt her ein aktueller Trend verfolgt, nämlich den Leser durch Autofiktion zu fesseln. Gegenstand literarischer Gestaltung wird das eigene, gründlich reflektierte Leben. Die zu Grunde liegenden Fakten stimmen dabei mit der tatsächlichen Lebensgeschichte der Autorin überein. Was sie uns schildert, ist wirklich passiert. Ihre Erlebenswelt der Satmarer Gemeinde ist authentisch. Wir bekommen ein ziemlich genaues Bild davon. Und doch ist die Erzählung geordnet und gestaltet. Einerseits geschieht dies zum Schutz jener Personen, über die Deborah Feldman schreibt, andererseits wird ein Spannungsbogen erstellt, an dem der Leser sich abarbeiten kann, den Faden nicht verliert. Die Autorin verwendet dazu Motive und Zitate aus den Büchern, deren Heldinnen ihre Kindheit und Jugend begleitet haben. Von Jane Eyre bis zu Roald Dahls Matilda finden wir all die bezaubernden Mädchen und Frauen wieder, die sich ihren Platz in der Welt hart erkämpfen mussten. Heimlich hat Deborah Feldmann diese Bücher gelesen, versteckt unter ihrer Matratze und in ihrer Unterwäsche, denn „Frauenkram“ ist für jüdische Männer tabu. Diese Heldinnen verkörpern die Sehnsucht der Autorin, aus ihrer engen, unterdrückenden Welt auszubrechen und ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Zum Schluss ist sie selbst diese Heldin, die für sich und ihren kleinen Sohn dieses Leben errungen hat.

Das ist es, was „Unorthodox“ angenehm lesbar und nachvollziehbar macht, den Leser stets bei der Stange hält. Doch das eigentlich Fesselnde ist die besondere Kombination von einfühlsamem Bericht und einer erschütternden Atmosphäre der Unterdrückung und Beklemmung. Es fällt schwer, dieses Buch aus der Hand zu legen. Es bewegt und berührt, wie sehr ein Mensch unter religiösen Zwängen leidet und sein Ich bis fast zur Auflösung unter all die Gesetze und Regelungen zwingen muss. Und andererseits ist da auch eine starke Verwurzelung, eine Geborgenheit in einer abgeschotteten Welt, die vermeintlich vor dem Bösen und Schaden bewahrt. Eine liebevolle Schilderung der Großeltern, die sie aufgezogen haben, eine Kindheit voller Düfte und voll vom süßen Geschmack der Speisen, die ihre Bubby (die Großmutter) zubereitet.

Die erschreckende Wahrheit hinter dem Schicksal der Autorin löst sich erst allmählich auf. Der Vater ist unfähig, sie zu erziehen. Eine Art von Geisteskrankheit oder psychischer Fehlentwicklung macht es diesem Mann unmöglich, sich um seine Tochter zu kümmern. Die Mutter ist fort. Die kleine Deborah glaubt natürlich noch, dass diese Frau sie einfach im Stich gelassen hat. Erst später wird deutlich, dass geschiedene Frauen, die eine solche Gemeinde hinter sich lassen wollen, von der gesamten Gemeinschaft daran gehindert werden, ihre Kinder mit sich zu nehmen. Das gehört zu den Dingen, die in Teilen der USA durchaus möglich sind, wo diesseits des großen Teiches eine solche Lebensweise nur schwer möglich wäre. Die ultraorthodoxen Gemeinschaften haben ganze Straßenzüge und Stadtteile für sich. Sie haben eigene Schulen für die Mädchen und die Jungen, ja es gibt eigene Krankenhäuser und sogar einen eigenen Rettungsdienst. Unvorstellbar zum Beispiel für Deutschland, wo es verbindliche Lehrpläne gibt und strenge Auflagen für private Schulen. Unvorstellbar für uns, dass eine religiöse Gemeinschaft einen eigenen Rettungsdienst unterhält, der etwaige Todesfälle vertuschen könnte. Und doch ist es so.

Es gibt keine Privatangelegenheiten. Die Gesetze der Thora, oder vielmehr die Auslegung jener Gesetze, die von den jeweiligen führenden Rabbinern für richtig gehalten werden, bestimmen das Leben eines Gläubigen bis in jede Einzelheit. Besonders das Leben einer Frau hat klare Begrenzungen. Es ist ihre Bestimmung, Kinder zur Welt zu bringen, die wiederum zu guten, frommen Juden erzogen werden müssen. Das Volk Gottes muss unter allen Umständen rein gehalten werden, um einen erneuten Zorn Gottes, einen neuen Holocaust zu verhindern. Wer die Gebote Gottes befolgt, der ist geschützt, so die feste Überzeugung.

Doch Deborah zweifelt je älter sie wird immer mehr daran, dass dieses Leben das Richtige für sie ist. Es ist nicht so, dass sie plötzlich Atheistin wird oder keine Jüdin mehr sein will. Das muss man ganz klar verstehen. Sie sieht, versteht und fühlt sich nach wie vor als Jüdin. Es ist ihr festes kulturelles Erbe. Jude zu sein hat nicht unbedingt etwas mit praktizierter Religion zu tun, wie anfangs erwähnt. Es ist ein Hintergrund, vor dem Vieles möglich ist. Es sind diese vielfältigen Möglichkeiten, ihr Leben zu leben, die Deborah Feldman Stück für Stück entdeckt, während sie sich aus ihrer orthodoxen Haut herausschält. Ein Prozess, der bereits in früher Jugend begonnen hat, unterbrochen von dem kurzzeitigen Wunsch, sich anzupassen und wie jede andere gute, jüdische Frau zu sein, um die Anerkennung durch ihre Familie zu erhalten. Und dann wieder neu in Gang gesetzt durch ihre unglücklich begonnene Ehe, traditionell arrangiert durch ihre Angehörigen. Es hätte in einem abgestumpften Leben der Anpassung enden können, wie für so viele der Freundinnen Deborahs, die doch eigentlich emanzipierter waren als sie selbst. Emotionale Verletzung und Frustration in der Beziehung mit einem, wie sie schnell feststellen muss, rückgratlosen Mann treiben sie doch wieder an, für sich und ihren kleinen Sohn ein besseres, freieres und reicheres Leben zu suchen.

Es wäre müßig, noch weiter den Inhalt dieses wunderbar erzählten Buches Preis zu geben. Einige Punkte jedoch verdienen meiner Meinung nach Erwähnung.

Der Leser erhält zunächst einen wunderbaren Einblick in das Alltagsleben ultraorthodoxer Juden. Was bedeutet es konkret, wenn ein Mensch sich voll und ganz all den Regeln der Thora in dieser heutigen, modernen Welt unterwirft? Wie zum Beispiel verläuft ein Ehe- und Sexualleben, wenn die Frau zwei Wochen im Monat als unrein gilt, sich dann erst rituell reinigen muss und eben auch der Mann so lange auf sie verzichten muss? Wie fühlt es sich an, dieses krasse Verzichten und dann wieder das unbedingte Liebe pflegen, vorranging zum Zweck der Kinderzeugung? Was bewirkt es, wenn man Mädchen und Jungen strikt voneinander getrennt hält, bis eine Ehe arrangiert ist, wenn eine Zeit des Entdeckens und Nachfragens nicht gestattet ist? Was bedeutet es für eine Frau oder eben auch für einen Mann, wenn beide sich in der Hochzeitsnacht völlig unwissend und naiv begegnen, den Kopf voll religiöser Metaphern, die im Praktischen absolut nicht weiter helfen? Die Folge sind mitunter tiefe Demütigungen und Frustration. Dabei sind nicht einmal die religiösen Gesetze das eigentliche Problem, sondern eine übersteigerte Angst vor Unreinheit, eine absolute Verdrängung von menschlichen Grundbedürfnissen.

Die Kernfrage liegt für mich in der Schilderung eines ganz besonders krassen Falles von Vertuschung. Ganz nebenbei berichtet Deborah Feldman von einem Ereignis, das in der jüdischen Gemeinschaft passiert, als sie gerade frisch verheiratet ist. Der Bruder ihres Mannes, ein Notfallsanitäter, ruft an, um seinem Herzen Luft zu machen. Er berichtet von dem, was er gerade erlebt hat. Ein Familienvater entdeckte seinen Sohn beim Masturbieren. Dies ist nach den Gesetzen strengstens verboten. In seiner Wut über den Sohn ging der Vater offenbar so weit, das Glied des jungen Mannes abzutrennen und ihn zu töten. Anschließend rief er den Rettungsdienst. Der Rettungsdienst jedoch, die sogenannte Hatzolah, gehört wie alles andere zu der orthodoxen Gemeinde. Die ganze Sache wird vertuscht.

Deborah Feldman fragt: „Was ist das für eine Welt, in der wir nur Belanglosigkeiten wie einen zu kurzen Rock bestrafen, aber Stillschweigen bewahren, wenn einer die Zehn Gebote bricht?“ (S. 304)

Damit trifft sie meiner Meinung nach die Kernfrage, die alle restriktiven, in sich geschlossenen Systeme innerhalb einer Gesellschaft anrührt. Wenn ein Überbau religiöser oder sonstiger Gesetze sich verselbständigt und der ursprüngliche Grundgedanke von Werten und Normen, nämlich das Zusammenleben einer Gemeinschaft für alle Beteiligten möglich und erträglich zu machen, plötzlich in den Hintergrund tritt, gibt es für die darin lebenden Menschen kein wirkliches Leben mehr. Das gilt für jedes System ganz gleich welcher Religion. Es betrifft nicht nur ultraorthodoxe Strömungen im Judentum. Wir brauchen nicht weit zu schauen. Denselben, krankmachenden Prinzipien verdanken sich Gesetze, die in Saudi Arabien Frauen das Fahren von Autos verbieten oder der sogenannte Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche. Das ist nicht dasselbe? Vielleicht nicht, aber die Ursache all dieser hässlichen Misstöne und Leid verursachenden Dinge sind verhärtete Gesetzesstrukturen, die wichtiger geworden sind als das ewige Gesetz: Liebe – liebe Gott und deinen Nächsten. Und das gleichermaßen.

Wahrscheinlich ist es zu viel, diesen Gedanken in das Buch hineinzuinterpretieren. Und doch rührt „Unorthodox“ an eine zurzeit empfindliche Debatte. Was hat Religion uns in der Postmoderne zu sagen? Ist sie im Ganzen überholt? Oder sind es eben doch nur wieder Menschen, die in ihrer Angst und in ihrem Bestreben nach möglichst perfekter Sicherheit, den Bogen so weit überspannen, bis er bricht? Jede Ideologie, jede Religion, jedes Gedankengebäude kann dazu in der Lage sein, echtes und freies Leben und Atmen zu unterbinden.

Als gläubiger Mensch muss und will ich persönlich mich immer wieder hinterfragen, ob ich erstens: mir selbst Dinge auferlege oder zweitens: mir Dinge auferlegen lasse, die mit dem Wesentlichen nichts mehr zu schaffen haben.

„Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.“ (S. 371 im Epilog) schreibt Deborah Feldman als letzten Satz. So ist ihr Buch eine Verarbeitung der eigenen Herkunft, ohne die Wurzeln zu verleugnen. Die Einblicke sind oft bedrückend, aber niemals wird das Buch an irgendeiner Stelle lieblos oder respektlos. Das macht es zu einer wirklich wertvollen Lektüre und einer ermutigenden Geschichte für jeden Menschen, der sich von äußeren Zwängen und Begrenzungen freizumachen sucht, ohne seine Identität zu verlieren oder zu verleugnen.

 
 

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Närrisches Todeswüten

Närrisches Todeswüten

Buchbesprechung zu:

„Tyll“

von

Daniel Kehlmann

Rowohlt Verlag 2017, 473 Seiten

Es gibt Bestseller-Autoren, die man angeblich gelesen haben muss. Im Literaturbetrieb herrschen zwar ebenso kapitalistische Prinzipien von Angebot, Nachfrage und Mode wie in anderen Bereichen auch, aber das bedeutet noch lange nicht, dass es auf Seiten des Lesers ein „Muss“ gibt. Niemand muss alles lesen und es ist die göttergleiche Macht des manischen Lesers, auf seinem mit Büchern aufgetürmten Olymp zu sitzen und wählerisch zu sein. Lese ich dich oder lese ich dich nicht, du berühmter Mann? Wenn nun aber der Olymp eher ein Narrenturm ist und die Wahl des Lesestoffs der Laune und Willkür entspringt? Sei es drum. Machen wir uns den gaukelnden Spaß und widmen wir uns heute: Tyll Uhlenspiegel.

Denn hat man einmal die Aufmerksamkeit der Leute gewonnen und sie für sich eingenommen, kann man sie mit Geschick dazu bringen, einfach alles zu tun, ob es Sinn ergibt oder nicht. Sie tun es. Dann öffnen sich die Abgründe, die Gräben in der Gemeinschaft. Und wenn sie sich wieder schließen, dann bleibt doch ein Schatten, ein schamvolles Schweigen. Ein Schatten und ein Schweigen des Untergangs, der unweigerlich eintreten muss. So also beginnt die Narretei des Dreißigjährigen Krieges, der das historische Grundthema des Romans von Daniel Kehlmann ist.

So beginnt auch überhaupt der Roman. Tyll tritt in einem abgelegenen Dorf auf. Er treibt seine Späße auf dem Seil und mit den Bällen. Dann fordert er die Leute auf, den rechten Schuh abzustreifen und zu werfen. Er weiß genau, was passieren wird und mit bösartiger Freude treibt er seine Posse voran. Es endet wie es enden muss: das ganze Dorf prügelt sich um die weggeworfenen Schuhe. Der Narr flieht, das Unbehagen aber bleibt und endet erst als der Krieg über das Dorf zieht. Hat der Narr ihn heraufbeschworen? Ist er ein Bote dieses kleinen Untergangs im großen Untergang? Oder gibt es ihn gar nicht, den Narren? Ist er selbst nur Trug und Spiegelei?

Denn Tyll dürfte nicht hier sein zwischen den Jahren 1618 und 1648. Er treibt doch eigentlich zwischen 1300 und 1350 seine Scherze. Es ist die kleine Allmacht eines Autors, dass er Wirklichkeiten so zusammensetzen kann wie sie nie gewesen sind. Damit schafft er neue Wirklichkeiten. Doch die Frage ist: gab und gibt es überhaupt verbindliche Wirklichkeiten, die man zu beschreiben vermag? Ist ein Roman nicht letztlich Unterhaltung und zugleich Deutung von Wirklichkeiten? Darum darf Tyll im Dreißigjährigen Krieg leben, denn er gehört dort hin. Es ist bösartige, fröhliche Absicht, dass der Uhlenspiegel durch die vom Krieg zerdrückten Landschaften des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wandert. Ein Kunstgriff, anhand einer umherziehenden, interessanten Figur die einzelnen Lager und Gesellschaftsschichten im Dreißigjährigen Krieg zu beleuchten. Doch nicht nur das. Der Narr hat Bedeutung. Ist es nicht Narrheit, was die Großen treiben? Ist es nicht zynische Narretei, die dazu führt, dass ganze Landstriche entvölkert werden durch Krieg und Pest, die dem Krieg unweigerlich folgt?

So sagt Tyll von sich, dass ein Narr ja immer auch ein bisschen Teufel ist. Und der arme Kurfürst Friedrich, der in scheinbar grenzenloser Naivität, Dummheit, Machtgier – was auch immer es für eine Narretei war – die Krone angenommen hat und damit den Krieg erst richtig auslöste, findet sich fiebernd im Schnee wieder. Er krepiert allein an der Pest und einzig der Narr Tyll Uhlenspiegel ist noch bei ihm.

„Er hörte den Narren aus seinem Leben erzählen, doch mit einem Mal kam es ihm so vor, als ob der Narr in seinem Inneren spräche, als ob er nicht neben ihm ritte, sondern eine fiebrige Stimme in seinem Kopf wäre, ein Teil seiner selbst, den er nie hatte kennen wollen.“ (S. 310)

Tyll Uhlenspiegel, der Spiegel für jeden Narren – hohen oder niederen Standes – , der ihm begegnet. Der Spiegel für das, was in der Welt in Unordnung ist. Das ist seine Funktion im Roman. Das ist es, was den Leser von der ersten Seite an packt. Eine unverschämte Teufelei, ein magischer Trick der Literatur.

Und überhaupt hat hier die Magie ihren dunklen Auftritt. Der Vater von Tyll, der Claus Uhlenspiegel, ist ein Mann, der den Leuten im Dorf hilft. Er kennt ein paar Kräuter und Zaubersprüche, ein paar harmlose Verwünschungen und kräftigende Rituale. Er ist aber eigentlich Müller. Und auch das ist kein Zufall. Es ist eines der vielen Zitate aus dem Schatz des kulturellen Gedächtnisses, den wir alle mehr oder weniger teilen. Dass der Teufel in der Mühle umgeht und Geschäfte mit dem Müller treibt, ist ein Gemeinplatz grimmscher Märchenwelten. Natürlich muss es so kommen, dass der durchreisende Jesuit Tesimond gemeinsam mit dem Jesuiten Athanasius Kircher auf diesen Müller stößt. Ein mittelalterliches Schauspiel von Folter, Hexenprozess und Henkersmahlzeit entspinnt sich. So wird Tyll in die Welt geworfen: er muss fliehen, weil das Auge des Jesuiten auch ihn scheel ansieht. Er, der Sohn des Teufelsbündlers.

Geradezu widerwärtig ist hier der Universalgelehrte und Jesuit Kircher beschrieben. Ein versonnener Spinner, ein fantasievoller Lügner, ein gelehrter Betrüger. War er wirklich so? Auf jeden Fall halb Genie und halb unerträglicher Quacksalber.

„Früh hatte Kircher begriffen, dass man dem Verstand folgen musste, ohne sich von den Marotten der Wirklichkeit verunsichern zu lassen. Wenn man wusste, wie ein Versuch auszugehen hatte, dann hatte der Versuch so auszugehen, und wenn man eine distinkte Vorstellung von den Dingen besaß, dann musste man, wenn man sie beschrieb, dieser Vorstellung Genüge tun und nicht dem Augenschein.“ (S. 368)

Magie und Wissenschaft fließen hier ineinander. Wissenschaft will die Dinge der Wirklichkeit ja eigentlich erfassen, messen, wiegen, erklären, deuten. Magie hingegen will die Dinge dem eigenen Willen unterwerfen und nutzbar machen. Der Grad ist oft schmal – heute wieder mehr denn je. Kehlmanns Roman ist nicht nur Spiegel ferner Zeiten, sondern lässt auch tief blicken in die Seele unserer Jetztzeit. Hat Umberto Eco nicht einst gesagt, dass wir nicht eigentlich in einer Postmoderne leben, sondern in einem neuen Mittelalter? Heute ist wieder die Zeit der großen und kleinen Magier. Magie gewinnt wieder an Bedeutung, denn weil alles erklärt ist, erklärt sich die Welt den Menschen erst Recht nicht mehr und sie suchen wieder Zuflucht in Beschwörungen, Heilmitteln, Versprechen. Die bunte, tödliche Welt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ist der Spiegel, in den wir hineinblicken, um uns zu erkennen, wer wir sind und woher wir kommen und wozu es kommen könnte.

Wenn Kehlmann vom Außen der Welt des Dreißigjährigen Krieges in das Innere der Personen blickt, die im Roman ihren Auftritt haben, dann ist es ein Spiel gegensätzlicher Erinnerungen – jeder nimmt die Wirklichkeit anders wahr und interpretiert sie, wie es für ihn oder sie selbst am erträglichsten ist. Friedrich und Elisabeth erinnern sich an ihre ersten Begegnungen und an ihre Hochzeitsnacht und daran, wie es war, als man Friedrich die Krone von Böhmen anbot. Elisabeth erinnert sich an drei Rosenblätter auf dem Boden, Friedrich an fünf. In jedem Detail unterscheiden sich ihre Erinnerungen gravierend. Der Leser wird nicht herausfinden, welche Version die richtige ist, weil es keine richtige Version der Wirklichkeit gibt. Auch unser kulturelles Gedächtnis kann uns trügen und täuschen – was wir erinnern, ist nicht das, was sich zugetragen hat – sondern das, was wir ihm an Bedeutung und Sinn zumessen. Ein feines Lehrstück dieses Romans.

Ein großartiges Beispiel für das Fortleben traumatischer Ereignisse im kulturellen Gedächtnis ist die sogenannte Pulververschwörung, die ebenfalls in Kehlmans Roman erwähnt wird. Hier hat sie die Funktion, dass der Jesuit Tesimond aus England fliehen muss, weil er vermutlich an dieser Verschwörung beteiligt war. Fanatische Katholiken hatten versucht, das Parlament in London am Tag der Eröffnung in die Luft zu sprengen, mit Hilfe unterirdisch deponierten Schwarzpulvers.  Der berühmte Gun Powder Plot wird bis heute immer wieder zitiert und gespiegelt. In der modernen Serie „Sherlock“ beim britischen Sender BBC gibt es eine Folge, in der ein Terrorist ebenfalls versucht, das Britische Parlament zu sprengen. Und noch populärer: in der Fantasy-Serie Game of Thrones wird ein ganzes Heiligtum, in dem eine mächtig gewordene Sekte ihren Gerichtstag hält, durch unterirdisch deponierten Sprengstoff spektakulär in die Luft gejagt. Sicher, das hat jetzt nichts mit Kehlmanns Roman zu tun, aber es erläutert, wie postmoderne Werke funktionieren: durch Zitate. Und Zitate sind nicht Wirklichkeit und DIE Wirklichkeit hat es nicht gegeben und darum muss ein Tyll Uhlenspiegel den Dreißigjährigen Krieg für uns reflektieren und brechen.

Denn der Krieg und seine Auswirkungen sind nur schwer in Worte zu fassen. Was der Krieg mit der Landschaft und den Menschen macht, kann unmöglich je in Worte gefasst werden, die Wirklichkeit exakt abbilden. Und so bleiben nur Derbheit und schwarzer Humor.

„Nur waren die in einen Haufen Scheiße gefallen und hatten überlebt. Unter Schlossfenstern gab es immer viel Scheiße, das lag an all den Nachttöpfen, die täglich geleert wurden. Das Dumme war bloß, dass daraufhin im ganzen Land die Jesuiten predigten, ein Engel habe die Statthalter aufgefangen und sanft zu Boden gesetzt.“ (S. 259 – zum Prager Fenstersturz)

Der Krieg ist bei Kehlmann vor allem ein ausuferndes Geruchspanorama aus Scheiße und Blut. Scheiße und Verwesung formen jetzt die Landschaften, wo vorher Bäume und Brunnen und Felder und Siedlungen waren. Und das trifft es genau, so unschön es auch ist. Es gibt eine Figur im Roman, die keine Stimme hat und doch ist sie präsent. Der allgegenwärtige Tod. Er wird zur Selbstverständlichkeit und nur der Narr wehrt sich gegen ihn. Und deshalb ist es auch der Narr, der den Krieg überdauert. Ich sterbe nicht, sagt Tyll. Und er stirbt auch nicht. Der Narr stirbt nie, denn die Narretei stirbt nie.

Es ist müßig, all die interessanten, historischen Figuren in Kehlmanns Roman in ihrer jeweiligen Funktion zu beschreiben. Jede hat ihren Platz und im Ganzen spiegeln sie alle Stände der Frühen Neuzeit wieder. Der Henker, den man nicht anfassen darf. Der Söldner, dem das Töten nichts mehr bedeutet, der aber selbst Angst vor dem Sterben hat. Der Gelehrte, der die Welt erfassen und ergründen will. Der fanatische Jesuit. Der Dichter, der sich nicht mehr dem Lateinischen zuwendet, sondern in deutscher Sprache schreiben will – eine deutsche Kulturnation bildet sich heraus, noch ehe die einzelnen Fürstentümer auch nur in feuchten Träumen daran denken, einen festgefügten Staat zu bilden. Große Männer, die um Vorrang kämpfen. Ein Konfessionsstreit, der längst nichts mehr mit dem Kampf um rechten Glauben zu schaffen hat. Ein Krieg, der scheinbar um seiner selbst willen geführt wird und der sich immer weniger finanzieren lässt. Zurück bleibt ein leergeblutetes Land. Es gibt Menschen, die geboren werden, leben und sterben, ohne je den Frieden gekannt zu haben. Das ist düster und bedrückend und so wird es auch beschrieben. Trotzdem tanzt Kehlmanns Narr Tyll Uhlenspiegel hoch oben auf dem Seil und lacht. Und wir lachen mit ihm, obwohl die Welt doch voller Scheiße ist, die sich unter den Fenstern mächtiger Männer zusammengebraut hat. Denn was bleibt einem Narren und Künstler denn anderes übrig, als mit der Wirklichkeit zu spielen, ein Spiegel zu sein und der Welt etwas zum Vergnügen zu schenken?

Genau das erfüllt Daniel Kehlmanns Roman. Und er tut es bestens. Zumindest wird es nie langweilig. Die Erzählung ist ein Ineinander von Chronologie, Rückblende, Vorausschau und Panorama, Draufsicht und Innensicht. Dabei ist die Sprache kraftvoll und einfach. Es wird nie zu kompliziert, es geht zuweilen derbe einher, aber doch scheint Poesie hindurch. Ein großartiges Spiel, eine intelligente Narretei, ein Spiegel nie stattgefundener Wirklichkeit. Ein Bild aus Düsternis und Lachen. Ein Totentanz mit Narr.

 
 

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Die letzten Dinge

Die letzten Dinge

Buchbesprechung zu:

„Am Ende das Nichts? Über Auferstehung und Ewiges Leben“

von:

Gerhard Lohfink

Herder Verlag, 2017 – 328 Seiten (291 Seiten ohne Anhang)

Aus persönlichen Gründen sind Tod und Sterben ein Thema, das mich hin und wieder auf verschiedene Weise beschäftigt und in jedem Fall sehr interessiert. Als jemand, die sich verstärkt in der digitalen Welt aufhält, bin ich in Verbindung mit der Lektüre von „Fragen Sie Ihren Bestatter“ (Empfehlung und Besprechung hier) auf die „Death Positive Movement“ gestoßen, die international immer bekannter und beliebter wird. Mit einer eigenen Unterschrift habe ich mich der Sache angeschlossen. Warum?

Weil der Grundgedanke folgender ist: werde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit bewusst und der begrenzten Zeit, die mir hier zur Verfügung steht, kann es ein Weg sein, mich bewusster leben zu lassen. Augenblicke zu genießen und nach Sinn zu streben. Mich daran erinnernd, dass jeder Moment mit den Menschen um mich herum auch ein letzter Moment sein könnte – für mich oder für mein Gegenüber. Dabei geht es nicht um eine Verklärung von Tod und Sterben, sondern darum, sie als genauso dunkel, furchteinflößend und unausweichlich zu betrachten, wie sie nun einmal sind. Und in dieser Bewegung auf meine eigene Sterblichkeit hin, wende ich mich dem Leben und meinen Mitmenschen zu. Hier geht es zunächst um ganz klare Diesseitigkeit, die gelebt werden will.

Als gläubiger Mensch hingegen interessiert mich auch das „Danach“, weil ich im Vertrauen auf einen Gott, der diese Welt erschaffen hat und sie liebt, auch darauf vertraue, dass im Sterben und im Tod das Aufgehobensein in der Liebe Gottes nicht endet. Darum bin ich auch auf Lohfinks Buch „Am Ende das Nichts?“ aufmerksam geworden. Hinzu kommt, dass meiner Erfahrung nach die katholische Theologie (Lohfink ist katholischer Theologe) gerade in den letzten Jahrzehnten einige große Gedanken hervorgebracht hat. Im Gesamtbild nähern sich die einzelnen Denker der Christenheit wieder einander an. Das ist eine sehr schöne, innere Bewegung zur Einheit hin. Man begegnet sich nach Jahrhunderten Zwist wieder auf Augenhöhe und das gemeinsame Ziel – nämlich Leben und Wirken auf Christus hin – tritt wieder klarer hervor. So eben auch in Lohfinks „Am Ende das Nichts?“, wo es nicht nur um den Tod und die Auferstehung in theologischer Betrachtung geht, sondern gerade auch darum, was es bedeutet „im“ Tod dem auferstandenen Christus zu begegnen.

Zunächst jedoch beginnt das Buch weniger theologisch. Es steigt mit einigen allgemeinen Betrachtungen in das Thema Tod ein. Dazu werden aktuelle Todesanzeigen in Zeitung und Internet, moderne und historische Grabinschriften zitiert, verglichen und kommentiert. Verschiedene Ansichten und Hoffnungen, was mit dem einzelnen Menschen im Tod und nach dem Tod geschieht und die Frage, ob der Mensch denn so etwas wie eine Seele hat, die irgendwohin übergeht, hingeht oder weiterreist durch die Zeiten. Vom völligen Auslöschen der Person, über das Eingehen in ein All oder den „Äther“ bis hin zu unzähligen reinigenden Wiedergeburten – sämtliche Ansichten waren immer schon und sind heute noch vertreten. Natürlich verwirft Lohfink diese Sichtweisen. Der Trost ist dürftig, die Hoffnung ist oft keine, der Ausblick auf das Kommende ungenügend. Als Theologe beschäftigt er sich in den kommenden Kapiteln mit der christlichen Sichtweise vom Tod und den immanenten Problemen und Fragestellungen.

Was also sagt die Bibel dazu? Es geht im nächsten Abschnitt zurück zu den Ursprüngen. Von Israel her und der Geschichte dieses Volkes mit seinem Gott müssen die Ansichten zu Tod und Auferstehung erforscht, beleuchtet und verstanden werden. Es mag überraschen, aber zunächst finden sich keine konkreten Vorstellungen dazu. Israel ist ein radikal diesseitiges Volk. Denn es setzt sich ab von den Sitten und Gebräuchen der es umgebenden Völker, setzt sich vor allem ab gegen den übersteigerten Totenkult Ägyptens, von den dunklen Bräuchen, mit dem Totenreich zu kommunizieren. Es ist streng untersagt, sich dieser Praxis zu unterwerfen. Von daher erklärt sich, dass es in den Texten des Alten Testamentes vor allem um den Segen Gottes in diesem Leben geht, um irdisches Glück, um die Rechtschaffenheit vor Gott im Hier und Jetzt, um den Bau der Familie, das Hervorbringen von Nachkommen, die wiederum Gott ehren und die Verheißung empfangen und darin leben. Doch in den Psalmen und bei den Propheten finden sich bereits Hinweise, Spuren einer sich entwickelnden Offenbarung über den Tod und die letzten Dinge.

Es geht um ein absolutes Vertrauen in Gott. Und aus diesem Vertrauen heraus vertraut der Mensch, dass er auch im Tod diesem Gott vertrauen kann, dem er schon das ganze Leben vertraut hat. Die völlige Geborgenheit in Gott ist der Schlüssel zum Glauben an die Auferstehung.

„Der Beter [in Psalm 49] weiß, dass die Lebensgemeinschaft mit JHWH unverlierbar ist. Sie reicht so tief, dass sie den Tod überdauert.“ (Lohfink, Seite 97)

Im Folgenden verlässt der Autor die allgemeinen Betrachtungen und die Anfänge der Auferstehungshoffnung im Glauben des Volkes Israel, um sich ganz dem Inhalt des Dogmas der Auferstehung zuzuwenden, beziehungsweise der Frage, was genau denn „im“ Tod mit dem einzelnen Menschen geschieht. Er schildert das menschliche Erleben von Verlusten und Krankheiten als die Erfahrung eines kleinen „Stücks“ Tod im Leben. Wenn dann das tatsächliche Ereignis am Ende des Lebens eintritt, so ist dies keineswegs der Endpunkt solcher Erfahrungen oder eine Art Erlösung, sondern „im“ Tod, wie Lohfink durch das gesamte Buch hindurch formuliert, begegnet der Sterbende Gott selbst:

„Im Tod wird jeder Christ und überhaupt jeder Mensch wie Jesus zunächst in eine letzte Machtlosigkeit hineingeführt. Der Tod ist keineswegs Höhepunkt des Lebens, wo der Mensch die Spitze seiner Freiheit erreicht. Er ist Elend, Erleiden und Ausgeliefertsein. Aber gerade so bedeutet er letzte Nähe zu Jesus.“ (S. 130)

Wie Christus starb, stirbt auch jeder Mensch. Denn Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Und wie der Christ im Glauben stirbt, so begegnet er im Tod Christus und erlebt „im“ Tod die Auferstehung, wie auch Christus auferstanden ist. Lohfink bringt die letzten Dinge, nämlich das Erscheinen des Christus, das Gericht über die Welt und die Auferstehung auf nur einen einzigen Punkt – die Begegnung des Menschen „im“ Tod mit seinem Schöpfergott. Wie begründet er das? Er wendet sich der Historizität der Auferstehung Jesu zu. Überhaupt ist das Dogma von der Auferstehung ja der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Nichts anderes haben die Apostel gepredigt: Christus ist auferstanden! Und darin findet der sterbliche Mensch Hoffnung, Trost und Rettung. Denn der „Retter-Gott“ wie ihn schon Israel erlebt hat, tritt sichtbar und erfahrbar in die menschliche Geschichte ein. Und so auch der Auferstandene. Es handelt sich, wenn man den Schilderungen in den Texten des Neuen Testamentes genau folgt, um ein ganz konkretes Ereignis. Um eine Sache, die betastbar, fühlbar ist, bezeugt durch eine unglaubliche Menge Menschen.

Lohfink spricht zu Recht von der „Massivität“ dieser Ereignisse, sodann auch von der „Drastischen Leiblichkeit“ des Auferstandenen. Nicht ein Geistwesen tritt unter die Jünger, sondern ein Mensch, der isst und trinkt und atmet. Jesus ist erkennbar an seinen Worten und Handlungen. Er ist ganz Fleisch wie er auch ganz Geist ist. Er ist der „Erste“ der Toten, die im Fleisch auferstehen sollen. Der Auferstandene hat keinen „Scheinleib“, er ist auch keine bloße Epiphanie, auch kein verkleideter Gott wie Zeus – hier ist keine Magie am Werke, sondern Gottes Schöpfer- und Lebenskraft. Das Bild der Bibel von dem Gott, der sein Volk und seine Schöpfung liebt, setzt sich ungebrochen fort: Keine Weltverachtung, keine Leibfeindlichkeit! Wenn nun die Auferstehung des Fleisches verheißen ist und, wie Paulus es im Römerbrief schreibt, so auch die ganze Schöpfung darauf wartet, erlöst zu werden, dann müssen wir die Schöpfung als „creatio continua“ begreifen – das Schöpferwerk setzt sich fort und wird vollendet – vollendet im Auferstandenen und in der Auferstehung der Gläubigen und so der Auferstehung des gesamten Kosmos.

Das sind große Gedanken und Lohfink bringt hier auch die Evolution ins Spiel, integriert wissenschaftliche Erkenntnisse über die Werdung der Welt in das Dogma der Auferstehung. Seine Argumente sind in sich schlüssig und nachvollziehbar, insofern sie die Vollendung und Vervollkommnung des Kosmos untermauern. Schwierig erscheint mir nur, dass eine solche Argumentation innerhalb der Theologie wieder neue Fragen und Probleme aufwirft. Die Frage nach dem Wann und Wie, dem konkreten Zeitpunkt der Menschwerdung, dem Innewohnen des Geistes im Menschen und dem Wesen des „Sündenfalls“ bleibt hier für mich unbeantwortet. Denn warum braucht eine Welt, die sich fortlaufend vervollkommnet dann einen Erlöser, der konkret und betastbar in die Geschichte hineinbricht? Zumindest steht die Frage nach der gefallenen Schöpfung und der potentiellen Endlichkeit oder Sterblichkeit von allem Geschaffenen im Raum. Denn was aufersteht, muss zuvor ja eben sterben. Vermutlich ist innerhalb des Buches einfach nicht der Platz für diese erweiterte Diskussion, geht es doch in erster Linie um die Begegnung des Menschen mit Gott im Tod. Dinge wie Himmel, Hölle, Fegefeuer müssen hier beleuchtet werden, alte Bilder neu oder vielmehr besser ausgedeutet werden.

Lohfink äußert auch hier Gedanken, die ich wirklich erwähnenswert finde. Der Begriff „Fegefeuer“ steht ja immer wieder als rückständiges, mittelalterliches Bild in der Kritik. Ein liebender Gott, wie kann der die Menschen, die doch brav an ihn glauben, trotzdem noch in einem Feuer bestrafen? Ist mit Christus nicht vollkommene Gnade geworden? Das, was Luther so sehr betont hat, was die große Spaltung bis heute ausmacht. Es ist nicht so, dass Luther besonders gegen das Fegefeuer gepredigt hätte. Das war nicht sein Thema. Was der moderne Mensch heute einfach missversteht ist, dass ein Bild für eine Sache oder ein Ereignis steht, ohne selbst diese Sache oder dieses Ereignis zu sein. Das sogenannte „Fegfeuer“ ist kein Strafgericht, es ist gemeint gewesen als Reinigung, völlig unabhängig von Raum- und Zeitbegriffen. Fegefeuer ist kein Ort und kein Zeitabschnitt. Es ist ein Bildwort, welches die Begegnung des Menschen mit Gott meint. Und gerade weil Gott vollkommen gerecht und vollkommene Liebe ist, kann er den Menschen nicht so lassen wie er ist, wie er durch das Leben gekommen ist. Es ist nichts anderes gemeint als eine Reinigung von allem Dunklen und Unverarbeiteten, weil Gottes Liebe – verstanden wie ein reinigendes Feuer – alles ihm entgegengesetzte zerstören muss. Insofern ist der Tod als endgültige Begegnung mit Gott auch der Punkt der Reinigung, indem der Mensch im Lichte Gottes sieht, wer und was er wirklich ist. Dass dies auch schmerzhaft sein kann, leuchtet ein. Das Urteil spricht der Mensch immer sich selbst, indem er so ist wie er ist und handelt wie er handelt. Insofern hat jeder Tag im Diesseits Bedeutung für die Ewigkeit. Diese Erinnerung, ja Mahnung, ist wertvoll. Da ist es wieder: hier und jetzt leben, wirklich leben, weil es Bedeutung für die Ewigkeit hat.

„Gott achtet die Freiheit des Menschen bis in ihre Tiefe. Sie wird von ihm nicht manipuliert – auch nicht durch subtile moralische Gewalt […] Der Gottesherrschaft ist jede Form von Zwang fremd.“ (S. 128)

Ein weiterer wichtiger Gedanke, der im Groben das bestätigt hat, was ich selbst im Inneren empfinde und glaube, wenn ich an die letzten Dinge denke, ist der von der „Unähnlichkeit“. Wir können von dem, was uns jenseits der Grenze des Todes erwartet und begegnet, nur in Bildern sprechen, in analogen Begriffen. Was wir hier in Raum und Zeit wahrnehmen, das ist völlig unähnlich dem, was bei Gott und in der Ewigkeit gilt. Ewigkeit, das Ewige Leben, wird nicht begriffen als vergehende Zeit oder als eine Landschaft der Seligen mit konkreter Topographie. Was wir als Raum und Zeit begreifen, kann für Gottes Dimensionen nicht eins zu eins übernommen werden, denn Gott steht außerhalb von Raum und Zeit, da Raum und Zeit selbst Teil der Schöpfung sind. Nun sind wir aber in dem Schema Raum und Zeit zwangsläufig verhaftet und reden deshalb auch von einem „Danach“. Lohfink wählt bewusst die Wendung „im“ Tod. Für ihn fällt alles in dieses „im Tod“ hinein. Die Frage, wann denn Jesus erscheint und wann denn die Auferstehung allen Fleisches geschieht, beantwortet Lohfink mit diesem „im Tod“. Eine griffige Formel und dennoch schwer zu fassen. Nach dem Tod also ist der Mensch ganz bei Gott und erlebt die Auferstehung – es gibt kein endloses Warten „dazwischen“, weil die Zeit- und Raumbegriffe nicht mehr gelten. Für die Hinterbliebenen freilich vergehen Zeit und Leben weiter. Wie dann aber zuletzt die Vollendung der Schöpfung und die Auferstehung sichtbar, erfahrbar in eins fallen, das lässt auch Lohfink offen und es muss offen bleiben, weil es ein Geheimnis ist. Sicher ist nur, dass im Auferstandenen alles in eins fallen wird.

Damit sind wir bei einem letzten, wichtigen Begriff, den Lohfink aufwirft. Das Prinzip der „Teilhabe“. Wie ist es möglich, dass der Mensch das ewige Leben Gottes haben kann und wie ist es möglich, dass die gesamte Schöpfung, das All, der Kosmos auferstehen und vervollkommnet werden? Lohfink erklärt dies mit der „Teilhabe“. Jesus hat als Sohn Gottes Teil an Gottes Herrlichkeit, er ist eins mit Gott, er ist der Erstgeborene der Toten. Die Gläubigen haben Teil an Jesu Erlösungswerk, an seiner Rettungstat, an seinem Leben aus dem Vater. Und die Schöpfung, die laut Paulus auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes wartet, hat Teil an der Herrlichkeit der Gläubigen. Dieses Prinzip der Teilhabe haben frühere Generationen stärker verstanden. So ließen sich manche Leute gerne ganz in der Nähe von Heiligenreliquien („ad sanctos“) beerdigen, um in der Auferstehung ihnen ganz nahe zu sein. Das ist mehr als einfache, naive Frömmigkeit. Es ist der Glaube, dass ich durch Vertrauen und Ausrichtung auf Gott selbst Anteil haben kann am Guten. Soviel sei angedeutet. Das Prinzip der Teilhabe geht noch viel tiefer und Lohfink entfaltet es eindrücklich in seinem Buch.

„So sehr hat Gott uns Menschen angenommen, so sehr liebt er die Welt, dass wir Gott in alle Ewigkeit nicht anders als in dem Menschgewordenen begegnen werden, und so für immer und ewig in dem Herzen eines Menschen Gott selbst finden.“ (S. 260)

Hier kann nur ein ganz kleiner Einblick in einige der Grundgedanken Lohfinks gegeben werden und das soll vorerst genügen. Im letzten Teil des Buches widmet sich Lohfink dann wieder ganz konkret der Frage, wie wir mit dem Tod und dem Sterben umgehen, wie wir uns um unsere Sterbenden und Toten kümmern und was wir selbst tun können im Hinblick auf die Tatsache, dass wir einmal sterben müssen und eine Ewigkeit wartet. Lohfink beschreibt ein mittelalterliches Gemälde, auf dem ein im Sterben liegender Mensch abgebildet ist, umgeben von anderen Menschen, Engeln und Christus über ihm.

„So wünschte sich der mittelalterliche Mensch zu sterben: umgeben von der gläubigen Gemeinde, begleitet von Gebeten, ins Paradies geleitet von Engeln, empfangen von Christus.“ (S.271)

Es geht ihm nicht darum, dass wir in mittelalterliche Sitten zurückfallen, sondern um die tiefere Weisheit, die einem solchen Sterbewunsch innewohnt. Es geht um unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen, um die Augenblicke, die wir leben und dass sie Bedeutung haben. Und um die Hoffnung und Aussicht, im Tod von Gott aufgefangen zu werden wie man es auch im Leben schon erfahren hat. Lohfink beschreibt Besuche bei seinen Großeltern, die im Schlafzimmer über ihrem Bett schwarz eingelegte Sterbekreuze hängen hatten. Täglich beim zu Bett gehen erinnerten sie sich daran, dass ihnen eines Tages diese Kreuze im Sterben in die Hand gelegt werden sollten und sie dann die Sterbesakramente empfangen würden. Dabei waren diese Großeltern fröhliche und gütige Menschen, keineswegs todessehnsüchtig. Sie waren dem Leben und den Menschen völlig zugewandt, gerade weil sie sich bewusst waren, dass jeder Augenblick Bedeutung hat. Womit wir wieder bei heutigen, modernen „Positiv-Sterben-Bewegungen“ angelangt sind.

Denn Lohfink fragt, wie es denn möglich ist zu leben in dem Bewusstsein, dass alles, was ich tue, Konsequenzen hat. Muss es mich nicht ständig bedrücken und quälen? Eben gerade nicht. Nur indem man von sich selbst weg sieht und sich anderen zuwendet, lebt man so, wie man leben soll. In Beziehung, sich selbst vergessend, sich verschenkend und so das Leben gewinnend.

„Denn gerade, indem der Christ in der Welt ganz zuhause ist, von ihr in Freude und Dankbarkeit kostet, sie als ihm anvertraute Schöpfung achtet und sich an sie weggibt, um sie für das Reich Gottes zu gewinnen, liebt er Gott.“ (S. 288)

Und weiter:

„Wer für das Reich Gottes lebt, weiß zwar um seine Machtlosigkeit und weiß um sein tägliches Sterben. Aber er weiß auch, dass das Reich Gottes mit seiner Gewaltlosigkeit stärker ist als alle Mächte und Gewalten.“ (S. 289)

Das ist die Ausrichtung für ein frohes Leben im Angesicht der Tatsache, dass man eines Tages eben den letzten Weg gehen muss. Ein letztes Durchleiden und dann die endgültige Begegnung mit Gott. Das ist Hoffnung. Und indem ich nicht nur für mich selbst will, sondern in Anschauung lebe, lebe ich hier und jetzt schon in Anbetung, der höchsten Form des Gebets, wie Lohfink schreibt.

„In der Anbetung wollen wir nichts mehr von Gott […] lasse ich mein Ich los und schaue nur noch auf Gott.“ (S. 290)

Das ist dann die Vollendung, „Himmel“. Reine Anschauung, reine Gegenwart und Begegnung, reines Lobpreisen – eben reines, unvorstellbares Glück.

Ich lasse das so stehen und empfehle die eingehende Lektüre von Lohfinks Buch „Am Ende das Nichts?“ Er hat noch sehr viel mehr zu sagen über die Bedeutung der menschlichen Geschichte, das Miteinander oder die Teilhabe. Auch wenn ich in weiten Teilen seine Abstecher in gewisse naturwissenschaftliche Bereiche für einigermaßen schwierig und verkürzt halte oder zumindest denke, dass diese Ausblicke im Grunde weitere Fragen aufwerfen, die dieses Buch weder anspricht noch lösen kann, so sind dort einige große Gedanken enthalten, die Trost und Anregung geben. Insgesamt ist das Buch verständlich geschrieben, doch für jemanden, der fern von den biblischen Grundlagen ist und ohne eine etwas größere Portion Vorwissen in theologischen Grundfragen, einigermaßen schwere Kost.

 
 

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Ein fühlbarer Gradmesser im Zwischenmenschlichen

Ein fühlbarer Gradmesser im Zwischenmenschlichen

 

Buchbesprechung zu:

Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Von Axel Hacke

Verlag Antje Kunstmann, 2017

189 Seiten (kleinformatig)

Bekannt ist Axel Hacke den meisten vor allem durch seine Kolumnen im Süddeutsche Zeitung Magazin und mehr noch durch die wunderbaren Texte über „Verhörer“, die sich im Reich des weißen Negers Wumbaba tummeln. Doch Herr Hacke ist mitnichten nur ein witziger Zeitgenosse, der mit humorigen Randbemerkungen unseren wirren Alltag kommentiert. Er ist auch, wie man dem neuen, kleinen Büchlein aus dem Kunstmann Verlag entnehmen kann, ein belesener Denker und seine klugen Bemerkungen und sein feinsinniger Humor kommen eben nicht aus der Leere.

Fast eine Art Essay über den Begriff Anstand und seine Bedeutung könnte man dieses Buch nennen. Oder ist es doch eher eine sehr erweiterte, nachdenkliche Kolumne, gestreckt auf die 182 Oktav-Seiten Text? Ein Buch im handlichen Format für die Westentasche oder wahlweise Handtasche, zum Mitnehmen eben. Für Zwischendurch, nicht kompliziert, aber mit Tiefgang. Eine Art Trostbuch. Eine Alltags-Ermahnung. So oder so ähnlich ist es wohl gedacht.

Wie nun nähert Herr Hacke sich dem „verstaubten“ Begriff des Anstands? Er verbindet eine Hand voll Kerngedanken dazu wie Perlen auf einer Schnur. Sie ergeben also eine runde Sache, aber bieten keine endgültige Lösung. Gespräche mit einem – imaginären oder echten? – Freund kommentieren die einzelnen Gedankenabschnitte, lockern sie auf, brechen die Ansätze aus Philosophie, Soziologie, Anthropologie und Weltliteratur herunter auf den kruden Alltag, auf den es letztlich doch so sehr ankommt.

Es kommt darauf an, sich anständig zu verhalten, wenn das Zwischenmenschliche gelingen soll. Und daher die Frage, was genau ist Anstand, dieser „weiche“ Wert, wie Hacke einen seiner Leser zitiert? Wie ist Anstand zu verstehen, was beinhaltet die Praxis des Anstands und entspricht dieses dumpfe Gefühl, dass der Anstand in unserer Zeit verloren geht, den Tatsachen? Treffen Gefühl und Wahrheit im Alltag zusammen und lassen sich durch ruhige Spiegelung an der Vernunft zu angemessenem, anständigem Verhalten umsetzen? Ist diese Fähigkeit den meisten abhandengekommen oder schlummert diese Ahnung von dem, was anständig ist, als eine Art Grundgefühl in uns allen? Man weiß, was richtig ist. Warum handelt der Mensch nicht danach und welche Rolle spielen die sogenannten „Sozialen Netzwerke“ dabei? Sind sie ein Spiegel dessen, was immer schon an Abgründen im Menschen geschlummert hat und bringen sie es einfach nur zu Vorschein, uns schockierend und erschreckend? Oder befördern sie negative Tendenzen durch Vereinzelung der Nutzer und die Zusammenfassung derselben in geschlossenen Blasen, in denen nur Gleichgesinnte einander begegnen und eine eigene Welt erzeugen, aus der alle anderen ausgeschlossen sind? Ist es beides? Überwiegt der Anstand trotz allem? Gibt es Hoffnung?

Solche drängend aktuellen Fragen wirft Axel Hackes Büchlein auf. Dabei werden die Fragen nicht letztgültig beantwortet, sondern mögliche Richtungen und Tendenzen beleuchtet. Wunderbar illustriert durch treffende Zitate aus klassischer und moderner Literatur. Ein Ringen um die Antwort. Und dabei gefällt mir persönlich Herrn Hackes Quintessenz über das Wesen des Menschen. Er schlägt sich nicht auf die Seite derer, die behaupten, der Mensch ist in sich gut und nur die Umstände verderben ihn. Aber er sagt auch nicht, der Mensch ist abgrundtief schlecht und alle Hoffnung ist verloren. Er wählt den ruhigen, ja „anständigen“ Weg. Der Mensch ist nicht gut, aber er kann besser werden. Und jeder für sich selbst ist verantwortlich dafür, sein Verhalten und seine Äußerungen im Zwischenmenschlichen zu überdenken und zu verbessern. Der Mensch hat das Potential dazu. Er hat ein Gefühl für das, was angemessen ist. Das wunderbare Wort „Herzensbildung“ fällt. Und dem kann ich zustimmen. Herzensbildung ist das, was der Mensch nötig hat.

Und natürlich ein wenig Mut. Mut zu sagen, was man denkt und für richtig hält, ohne dem anderen das Recht abzusprechen, eigene Gedanken und Befindlichkeiten zu haben, die ich genauso ernst nehmen muss. Es geht gerade nicht um Moral. Es geht um die Gefahr einer Gewöhnung an einen rauen Grundton in der Gesellschaft, der wir begegnen müssen. Die Angst der Menschen ist real und muss ernst genommen werden. Die Suche nach Halt in einer komplizierten Welt ist zunächst eine Art natürlicher Reflex. Und wenn man Menschen, die sich in gemeinsamer Angst und Unverstandenheit zu einer geschlossenen Gruppe zusammen finden, nicht ernst nimmt, dann entsteht Radikalisierung. Dann gilt der Anstand nur noch innerhalb dieser Gruppe, gegen die Mitglieder und Gleichgesinnten. Nach außen wird das Eigene durch Hass und Gewalt verteidigt. Das ist ein Prozess an vielen Orten in der Welt. Und noch überwiegen die Anständigen, jene, die auch nach außen anständig sind. Aber sie sind leise, manchmal zu leise. Doch sie sind mehr. Und sie können dagegen halten. Mit Geduld, Ruhe, Vernunft. Den anderen versuchen zu verstehen, ihn zu gewinnen suchen. Daran appellieren, dass wir im Grunde doch dasselbe wollen, dasselbe Grundgefühl von Anstand und anständigem Zusammenleben haben.

Der Verlust der kleinen, überschaubaren Gemeinschaft, in der jeder gebraucht wird und einen Nutzen hat, ist ernst zu nehmen. Globalisierung und Entgrenzung überfordert viele. Der Anstand ist aber der Kitt, der die Gesellschaft zusammen hält und vielleicht ist die Gegenwart nicht so düster wie unser dumpfes Gefühl es uns sagen will? Vielleicht schafft der Anstand es, sich gegen all das Grobe durchzusetzen?

Axel Hackes Buch regt zum Nachdenken an. Es deckt die eigenen, dunklen Stellen im Gemüt auf und es ist weniger eine Ermahnung als vielmehr ein positiver Anstoß, die Richtung beizubehalten, anständig zu bleiben und überlegt zu leben und zu handeln, ohne hysterisch zu werden. Eine Lektüre ist lohnenswert. Es ist ein Buch, das man gut und gerne weitergeben und verschenken kann. Vielleicht auch gerade an diejenigen, die Angst haben, wenn sie die Vorgänge in den Sozialen Netzwerken beobachten. Ich persönlich bin immer dafür, die Ruhe zu bewahren und Hysterie zu vermeiden. Darum stimme ich Herrn Hacke zu und empfehle sein Buch wärmstens für eine kurze, nachdenkliche Ermunterung.

 
 

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Familie und rote Pest

Familie und rote Pest

Buchbesprechung zu:

„Denunziation“ – Erzählungen aus Nordkorea

von Bandi („Glühwürmchen“ – Deckname)

Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Mit einem Vorwort von Thomas Reichart

Piper Verlag 2017 – Originalausgabe erstmals 2014 in Seoul

220 Seiten

Es ist schon etwas Besonderes, ein Buch in Händen zu halten, dessen Autor sterben würde, wenn sein richtiger Name auf dem Cover gedruckt würde. Der Sterben würde, wenn nicht die Hände, durch die das Manuskript gegangen ist, die Namen der in den Erzählungen erwähnten Orte noch einmal abgeändert hätten. Das sind die Realitäten, mit denen ein Schriftsteller, der in Nordkorea seine Gedanken frei äußert, konfrontiert ist.

Doch Nordkorea ist uninteressant. Medial nehmen wir es kaum wahr. Im kollektiven Gedächtnis bleiben drei Dinge haften. Die Berichte einer schweren Hungersnot in den 90er Jahren und die lange Weigerung der Regierung des Landes, Hilfsleistungen des Auslands anzunehmen. Bis heute weiß niemand wieviel tausend Menschen dabei zu Grunde gegangen sind. Dann sehen wir die über zwei Meter hohen Statuen Kim Il-sungs und Kim Jong-ils in der Hauptstadt Pjönjang. Vor ihnen werden Blumen niedergelegt und Menschenrücken beugen sich andächtig. Und als drittes schwebt das feiste Gesicht des aktuellen Diktators Kim Jong-uns durch den Äther, wenn er mal wieder einen erfolgreichen Waffentest verkündet, den die UNO zwar kategorisch verurteilen muss, aber die Welt doch ob der Lächerlichkeit mit einem Schulterzucken abtut. Ein dickes, großes Kind mit überdimensionalem Spielzeug. Das ist jenes Nordkorea unserer Wahrnehmung. Wir verbinden es nicht mit den 20 Millionen Menschen, die dort leben; leben müssen.

Jene Lücke unserer Herzenswahrnehmung vermag das Buch „Denunziation“ von Bandi zu schließen. Wer innerlich nachvollziehen möchte, wie es ist, unter der letzten tiefroten Diktatur dieses Planeten zu leben, findet in den sieben Geschichten die Verbindung zu den Menschen Nordkoreas. Tatsächlich ist der Autor ein „Glühwürmchen“, ein winziges Licht, kaum in der Lage die Nacht zu durchdringen und doch fällt es ins Auge und erregt Aufmerksamkeit. Seine Momentaufnahmen der erzählten Einzelschicksale berühren ohne zu bedrücken. Mit poetischer Leichtigkeit vermag der Schreiber uns die grausamen Strukturen einer geschlossenen Gesellschaft zu vermitteln. Jede Erzählung enthält in ihrem Kern einen dichterischen Vergleich, der einen Aspekt des Lebens unter dieser Diktatur verdeutlicht.

Sämtliche Geschichten wurden Anfang bis Mitte der 90er Jahre verfasst. Sie liegen in ihren Schilderungen also schon ein wenig zurück, dürften aber immer noch ein aktuelles Bild zeichnen. Achtung „Spoiler“ – im Folgenden deute ich den Inhalt der einzelnen Erzählungen an. Es erscheint mir notwendig, um den Kern der Sache herauszuschälen.

In „Die Stadt der Gespenster“ werden wir nach Pjönjang mitgenommen. Seit zwei Monaten bereiten sich eine Million Menschen auf den Nationalfeiertag vor. Doch der Himmel will es offenbar nicht, denn schweres Unwetter geht über der Stadt nieder. Sintflutartiger Regen macht es unmöglich, auf dem großen Platz die geplante Aufstellung in Menschen-Blöcken zu nehmen. Doch eine Diktatur kennt kein Erbarmen. Als der Regen aussetzt, erschallt durch die überall angebrachten Lautsprecher – genannt das „Dritte Programm“ (wir fühlen uns sehr stark an Orwells 1984 erinnert!) – der Befehl, in einer dreiviertel Stunde bereit zu sein. Tatsächlich leisten eine Million Männer und Frauen unbedingten Gehorsam. Sie treten an und die Feierlichkeiten finden wie geplant statt. Eine unheimliche Macht ist das. Dieselbe Macht, die am gleichen Tag eine der Familien aus Pjönjang verbannt. Eine Mutter und ein Vater haben es nicht geschafft, ihrem zweijährigen Sohn die Angst vor den großen Portraits von Marx und Kim Il-sung auszutreiben. Er schreit und weint und bekommt Anfälle, wenn er die überdimensionalen Gesichter dieser Männer sieht. Für ihn sind sie schreckliche „Eobis“, riesige Monstergestalten aus Geschichten (eine Art Godzilla, der alle Häuser überragt). Und dieser Eobi ist es, der dann die Familie zur Strafe aus der Stadt auf das Land vertreibt. Von treuen Genossen werden sie zu Feinden degradiert, denn die Verderbtheit des Kindes spricht für die verdorbene Haltung der Eltern. So einfach ist es in einer Diktatur. Die Feindschaft wird vererbt. Tanzt ein Familienmitglied aus der Reihe, ist das Zeichen dafür, dass auch alle anderen nicht treu und ergeben sind. Sie müssen verbannt werden. In die Provinz oder schlimmer noch ins Arbeitslager. (Ja, es gibt Kinder, die in jenen Zwangslagern geboren werden und sie bis zum Tag ihres Todes nicht verlassen!)

Der „Eobi“, das Monstrum, als Sinnbild einer grausam verurteilenden Diktatur. Und sie funktioniert. Jedes Haus hat einen Blockwart oder eine Blockwartin, die Meldung machen. Die Angst treibt die einzelnen Bewohner an, sich gegenseitig zu bezichtigen, wenn in einer Familie etwas anders ist als in den anderen. Wenn sie eine Stunde zu lang die Vorhänge schließen oder zu seltsamer Zeit der Rauch des Kochfeuers aufsteigt. Alles verdächtig. So erhält und kontrolliert die Gesellschaft Nordkoreas sich selbst durch ein dichtes Netz aus Angst und Denunziation.

In „Irya Madya, Schatzpferd!“ spielt eine große Schatzulme die Hauptrolle. Sie steht für den Tag, an dem der Mann, der sie gepflanzt hat, in die Partei eingetreten ist. Sie verkörpert all die Hoffnungen auf Unabhängigkeit von der Japanischen Besatzungsmacht, Hoffnung auf eine reiche Zukunft, die man sich durch Treue und Fleiß für sich und die nachfolgende Generation erarbeitet. Jener Tag, an dem der Mann Irya Madya erkennt, dass das alles nur ein Trugbild war, ist der Tag, an dem die Ulme fällt und er selbst stirbt. Das System vernichtet Existenzen. Es frisst seine treusten Diener und Arbeiter. Ein unbedachtes Wort genügt dafür. Ja eine einzige zur falschen Zeit geweinte Träne genügt und wird als Verrat gewertet. Ein Volk ist angehalten, auf Befehl zu lachen und zu weinen.

In „Die Flucht“ schreibt ein Mann seinem Freund einen Brief, in dem er ihm die Gründe darlegt, aus denen er sich zur Flucht aus Nordkorea entschlossen hat. Er selbst stammt aus einer Familie, die vom Staat als feindlich eingestuft wurde, weil sein Vater aus Versehen eine Anpflanzung Reis hat eingehen lassen. Seine Frau stammt aus einer staatstreuen Familie. Heimlich verhütet sie, denn sie will kein Kind in diese grausame Welt setzen. Ein Kind, das von Anfang an per Gesetz (ja, es gibt einen Paragrafen 149, der dies festlegt!) als Staatfeind eingestuft ist. Im Laufe der Geschichte erleben wir eine innige, ergreifende Liebesgeschichte, voller Hingabe und Selbstaufopferung. Wir erkennen die Kehrseite der grausamen Realität, in der die Menschen gezwungen sind zu leben. Sie rücken nahe zueinander. Familie ist alles für die Nordkoreaner. Eine Ehe, in der man sich aneinander festhält und Kinder, denen man sich erbarmend und liebevoll zuwendet. Immer wieder spielt das in den Erzählungen die alles überstrahlende Rolle.

In „So nah und doch so fern“ versucht ein Mann eine Reisegenehmigung zu erhalten, weil er seine im Sterben liegende Mutter aufsuchen möchte. In Nordkorea herrscht keine Bewegungsfreiheit. Jede Reise muss beantragt werden. Ein kranker Verwandter in einer anderen Region ist für den Staat kein Grund, eine Ausnahme zu machen. Aus Verzweiflung über die dreimalige Ablehnung seines dringenden Ersuchens macht sich der Sohn illegal auf. Nur einige Schritte entfernt von seinem Heimatdorf wird er aufgegriffen. Die Strafe für sein Vergehen sind zwei Wochen Arbeitslager, aus denen er abgemagert und voller Läuse zu seiner Frau zurückkehrt, nur um dort zu erfahren, dass seine Mutter inzwischen verstorben ist. In dieser Geschichte wird der Wert der Familie noch einmal überdeutlich. Treue zur Familie überwindet die Angst vor dem strafenden System. Die Menschen reden sich gegenseitig als „Mutter von…“, „Vater von…“, „Tante von…“ oder „Onkel von…“ an. Sie betonen die Eltern-Kind-Beziehung. Das ist es, was den Menschen ihren Halt gibt, was sie leben lässt inmitten aberwitziger Regulierungen.

In „Pandämonium“ haben wir die kuriose Geschichte einer alten Frau, die ihren Mann und das Enkelkind auf dem Bahnhof zurücklässt, um sich zu Fuß auf den Weg zum Haus ihrer Tochter aufzumachen. Alle Züge stehen still, weil das Staatsoberhaupt reisen will. Auch auf den Straßen ist es verboten zu gehen. Die alte Frau wird vom Konvoi des Staatschefs abgefangen und dazu genötigt, die Gnade der Mitfahrgelegenheit anzunehmen. Während sie den Luxus des gepolsterten Autos unter Zwang in Anspruch nimmt, werden ihr Mann und die Enkeltochter in einer ausbrechenden Panik unter den seit Tagen wartenden Reisenden verletzt. Auch hier ist wieder die Familie der Mikrokosmos, in dem der Einzelne Trost, Geborgenheit und auch Vergebung findet.

In „Die Bühne“ fällt ein Schauspieler in Ungnade des Systems, weil er während einer Improvisation eine 23-jährige Kollegin scherzhaft zum Mitspielen aufruft und ihre seit 23 Jahren geschulte Fähigkeit des Schauspielerns lobt. Der Konflikt über diesen Ungehorsam wird in die Familie des jungen Mannes getragen. Es kommt zu einem erbitterten Streit zwischen dem intelligenten und klarblickenden Sohn und dem systemtreuen Vater. Letztlich muss auch der Vater erkennen, dass ganz Nordkorea eine Bühne ist, auf der das Volk ein Schauspiel aufführt. Es ist die Zeit der dreijährigen Staatstrauer um Kim Il-sung (er stirbt 1994, bleibt aber der „Ewige Präsident“ und wird weiter verehrt wie ein Heil bringender Messias). Die Menschen legen Jeden Tag Blumen vor den Gedenkaltären überall im Land nieder. Ihre Besuche werden protokolliert, darum gibt es bald in keinem Garten mehr eine Blüte. Die Menschen ziehen in die Berge und pflücken unter Einsatz ihres Lebens Wildblumen, um nur nie aus der Trauerrolle zu fallen. Wer keine Tränen vergießt, verurteilt sich selbst.

In „Der Rote Pilz“ schließlich wird das Leben eines Mannes beleuchtet, der in den beginnenden Zeiten von Knappheit und Hunger alles versucht, um wie ihm befohlen wurde, neues Land urbar zu machen. Das Wetter vernichtet, was er geschaffen hat. Das System kann die Schuld dafür nicht auf sich nehmen, darf aus Propagandazwecken keine Fehler zugeben. Die Verurteilung trifft den Mann. Um ihn beiseiteschaffen zu können, wirft man ihm auch vor, eine Frau mittels roter Pilze fahrlässig vergiftet zu haben. Im Moment seiner Verurteilung blickt der Mann auf das rote Parteigebäude und murmelt sein eigenes Urteil, nämlich dass der rote Pilz überall ausgerottet werden müsse. Dass er damit die Ideologie des Marxismus/Sozialismus meint, ist allen Beteiligten nur zu deutlich. Am Ende sind es seine Kinder, die laut schreiend hinter dem Wagen her rennen, der ihren Vater abtransportiert.

Das Zusammenspiel von poetischen Vergleichen für die Grausamkeit des Staatssystems und der Geborgenheit und Fürsorge der Familie, macht die Lektüre von „Denunziation“ zu einem erträglichen Erlebnis. Sicher gehen einem die Einzelschicksale zu Herzen, man empfindet am Ende jeder Erzählung echte Empörung und Wehmut. Dennoch kann man sich der sanften Menschlichkeit und der schlichten Schönheit der Geschichten ebenso wenig entziehen. Man empfindet Achtung vor den Menschen, man versteht sie besser, warum es so unmöglich ist, sich gegen den roten Kult aufzulehnen. Und dass es eine Menge Mut und Treue kostet, Selbstaufopferung und Hingabe, um die eigene Familie zu schützen. Es ist für die meisten nicht möglich, in ein besseres Leben nach Südkorea zu flüchten, weil sie damit ihre Angehörigen in höchste Gefahr bringen. Ist ein Familienmitglied ungehorsam, so leiden alle anderen dafür. Die Liebe der Menschen zueinander wird als Waffe gegen sie gerichtet, um ihren Gehorsam zu sichern.

Das ist der wiederkehrende Kern aller Grausamkeiten in jeder Art von Diktatur: Menschen durch ihre eigene Liebe und Güte zu zwingen und zu vernichten. Darum bewegt das Buch und darum gehört es in das allgemeine Gedächtnis. Als Erinnerung daran, dass wir zwar über einen fetten und feisten Jungen lachen, wenn er alberne Spiele vorführt, doch hinter den Grenzen dieses abgeschotteten Landes 20 Millionen Menschen ihre Tränen nach innen weinen müssen, wenn sie ihre Lieben schützen wollen.

„Es war einmal ein Dorf, das von dreißig Meter hohen Hecken umgeben war. Darin lebte ein Zauberer, für den Millionen von Bediensteten arbeiteten. Das Verwunderliche daran war, dass aus dem Dorf nur Gelächter nach draußen drang. Die Leute lachten ununterbrochen und zu jeder Jahreszeit, da der alte Zauberer sie durch einen Fluch zum Lachen zwang. Warum hatte er sie dazu verdammt, ohne Unterlass zu lachen? Das war seine Art, vor der Welt draußen zu verschleiern, dass er seine Bediensteten unterdrückte, und die Leute glauben zu machen, die Dorfbewohner seien immer glücklich. Er hatte die hohen Hecken wachsen lassen, damit die Bewohner der umliegenden Dörfer nicht hineingehen und sehen konnten, was wirklich passierte. Kannst du dir das vorstellen? Selbst wenn die Bediensteten des alten Zauberers vor Schmerz und Traurigkeit weinten, verwandelten sich ihre Schluchzer sofort in Lachen. Kann es einen Zauberspruch geben, der grausamer ist? Und dieses Dorf, kann es einen Ort geben, der schrecklicher ist?“  (S. 145 – Frau Ohs Märchen)

 

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