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Närrisches Todeswüten

15 Okt

Närrisches Todeswüten

Buchbesprechung zu:

„Tyll“

von

Daniel Kehlmann

Rowohlt Verlag 2017, 473 Seiten

Es gibt Bestseller-Autoren, die man angeblich gelesen haben muss. Im Literaturbetrieb herrschen zwar ebenso kapitalistische Prinzipien von Angebot, Nachfrage und Mode wie in anderen Bereichen auch, aber das bedeutet noch lange nicht, dass es auf Seiten des Lesers ein „Muss“ gibt. Niemand muss alles lesen und es ist die göttergleiche Macht des manischen Lesers, auf seinem mit Büchern aufgetürmten Olymp zu sitzen und wählerisch zu sein. Lese ich dich oder lese ich dich nicht, du berühmter Mann? Wenn nun aber der Olymp eher ein Narrenturm ist und die Wahl des Lesestoffs der Laune und Willkür entspringt? Sei es drum. Machen wir uns den gaukelnden Spaß und widmen wir uns heute: Tyll Uhlenspiegel.

Denn hat man einmal die Aufmerksamkeit der Leute gewonnen und sie für sich eingenommen, kann man sie mit Geschick dazu bringen, einfach alles zu tun, ob es Sinn ergibt oder nicht. Sie tun es. Dann öffnen sich die Abgründe, die Gräben in der Gemeinschaft. Und wenn sie sich wieder schließen, dann bleibt doch ein Schatten, ein schamvolles Schweigen. Ein Schatten und ein Schweigen des Untergangs, der unweigerlich eintreten muss. So also beginnt die Narretei des Dreißigjährigen Krieges, der das historische Grundthema des Romans von Daniel Kehlmann ist.

So beginnt auch überhaupt der Roman. Tyll tritt in einem abgelegenen Dorf auf. Er treibt seine Späße auf dem Seil und mit den Bällen. Dann fordert er die Leute auf, den rechten Schuh abzustreifen und zu werfen. Er weiß genau, was passieren wird und mit bösartiger Freude treibt er seine Posse voran. Es endet wie es enden muss: das ganze Dorf prügelt sich um die weggeworfenen Schuhe. Der Narr flieht, das Unbehagen aber bleibt und endet erst als der Krieg über das Dorf zieht. Hat der Narr ihn heraufbeschworen? Ist er ein Bote dieses kleinen Untergangs im großen Untergang? Oder gibt es ihn gar nicht, den Narren? Ist er selbst nur Trug und Spiegelei?

Denn Tyll dürfte nicht hier sein zwischen den Jahren 1618 und 1648. Er treibt doch eigentlich zwischen 1300 und 1350 seine Scherze. Es ist die kleine Allmacht eines Autors, dass er Wirklichkeiten so zusammensetzen kann wie sie nie gewesen sind. Damit schafft er neue Wirklichkeiten. Doch die Frage ist: gab und gibt es überhaupt verbindliche Wirklichkeiten, die man zu beschreiben vermag? Ist ein Roman nicht letztlich Unterhaltung und zugleich Deutung von Wirklichkeiten? Darum darf Tyll im Dreißigjährigen Krieg leben, denn er gehört dort hin. Es ist bösartige, fröhliche Absicht, dass der Uhlenspiegel durch die vom Krieg zerdrückten Landschaften des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wandert. Ein Kunstgriff, anhand einer umherziehenden, interessanten Figur die einzelnen Lager und Gesellschaftsschichten im Dreißigjährigen Krieg zu beleuchten. Doch nicht nur das. Der Narr hat Bedeutung. Ist es nicht Narrheit, was die Großen treiben? Ist es nicht zynische Narretei, die dazu führt, dass ganze Landstriche entvölkert werden durch Krieg und Pest, die dem Krieg unweigerlich folgt?

So sagt Tyll von sich, dass ein Narr ja immer auch ein bisschen Teufel ist. Und der arme Kurfürst Friedrich, der in scheinbar grenzenloser Naivität, Dummheit, Machtgier – was auch immer es für eine Narretei war – die Krone angenommen hat und damit den Krieg erst richtig auslöste, findet sich fiebernd im Schnee wieder. Er krepiert allein an der Pest und einzig der Narr Tyll Uhlenspiegel ist noch bei ihm.

„Er hörte den Narren aus seinem Leben erzählen, doch mit einem Mal kam es ihm so vor, als ob der Narr in seinem Inneren spräche, als ob er nicht neben ihm ritte, sondern eine fiebrige Stimme in seinem Kopf wäre, ein Teil seiner selbst, den er nie hatte kennen wollen.“ (S. 310)

Tyll Uhlenspiegel, der Spiegel für jeden Narren – hohen oder niederen Standes – , der ihm begegnet. Der Spiegel für das, was in der Welt in Unordnung ist. Das ist seine Funktion im Roman. Das ist es, was den Leser von der ersten Seite an packt. Eine unverschämte Teufelei, ein magischer Trick der Literatur.

Und überhaupt hat hier die Magie ihren dunklen Auftritt. Der Vater von Tyll, der Claus Uhlenspiegel, ist ein Mann, der den Leuten im Dorf hilft. Er kennt ein paar Kräuter und Zaubersprüche, ein paar harmlose Verwünschungen und kräftigende Rituale. Er ist aber eigentlich Müller. Und auch das ist kein Zufall. Es ist eines der vielen Zitate aus dem Schatz des kulturellen Gedächtnisses, den wir alle mehr oder weniger teilen. Dass der Teufel in der Mühle umgeht und Geschäfte mit dem Müller treibt, ist ein Gemeinplatz grimmscher Märchenwelten. Natürlich muss es so kommen, dass der durchreisende Jesuit Tesimond gemeinsam mit dem Jesuiten Athanasius Kircher auf diesen Müller stößt. Ein mittelalterliches Schauspiel von Folter, Hexenprozess und Henkersmahlzeit entspinnt sich. So wird Tyll in die Welt geworfen: er muss fliehen, weil das Auge des Jesuiten auch ihn scheel ansieht. Er, der Sohn des Teufelsbündlers.

Geradezu widerwärtig ist hier der Universalgelehrte und Jesuit Kircher beschrieben. Ein versonnener Spinner, ein fantasievoller Lügner, ein gelehrter Betrüger. War er wirklich so? Auf jeden Fall halb Genie und halb unerträglicher Quacksalber.

„Früh hatte Kircher begriffen, dass man dem Verstand folgen musste, ohne sich von den Marotten der Wirklichkeit verunsichern zu lassen. Wenn man wusste, wie ein Versuch auszugehen hatte, dann hatte der Versuch so auszugehen, und wenn man eine distinkte Vorstellung von den Dingen besaß, dann musste man, wenn man sie beschrieb, dieser Vorstellung Genüge tun und nicht dem Augenschein.“ (S. 368)

Magie und Wissenschaft fließen hier ineinander. Wissenschaft will die Dinge der Wirklichkeit ja eigentlich erfassen, messen, wiegen, erklären, deuten. Magie hingegen will die Dinge dem eigenen Willen unterwerfen und nutzbar machen. Der Grad ist oft schmal – heute wieder mehr denn je. Kehlmanns Roman ist nicht nur Spiegel ferner Zeiten, sondern lässt auch tief blicken in die Seele unserer Jetztzeit. Hat Umberto Eco nicht einst gesagt, dass wir nicht eigentlich in einer Postmoderne leben, sondern in einem neuen Mittelalter? Heute ist wieder die Zeit der großen und kleinen Magier. Magie gewinnt wieder an Bedeutung, denn weil alles erklärt ist, erklärt sich die Welt den Menschen erst Recht nicht mehr und sie suchen wieder Zuflucht in Beschwörungen, Heilmitteln, Versprechen. Die bunte, tödliche Welt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ist der Spiegel, in den wir hineinblicken, um uns zu erkennen, wer wir sind und woher wir kommen und wozu es kommen könnte.

Wenn Kehlmann vom Außen der Welt des Dreißigjährigen Krieges in das Innere der Personen blickt, die im Roman ihren Auftritt haben, dann ist es ein Spiel gegensätzlicher Erinnerungen – jeder nimmt die Wirklichkeit anders wahr und interpretiert sie, wie es für ihn oder sie selbst am erträglichsten ist. Friedrich und Elisabeth erinnern sich an ihre ersten Begegnungen und an ihre Hochzeitsnacht und daran, wie es war, als man Friedrich die Krone von Böhmen anbot. Elisabeth erinnert sich an drei Rosenblätter auf dem Boden, Friedrich an fünf. In jedem Detail unterscheiden sich ihre Erinnerungen gravierend. Der Leser wird nicht herausfinden, welche Version die richtige ist, weil es keine richtige Version der Wirklichkeit gibt. Auch unser kulturelles Gedächtnis kann uns trügen und täuschen – was wir erinnern, ist nicht das, was sich zugetragen hat – sondern das, was wir ihm an Bedeutung und Sinn zumessen. Ein feines Lehrstück dieses Romans.

Ein großartiges Beispiel für das Fortleben traumatischer Ereignisse im kulturellen Gedächtnis ist die sogenannte Pulververschwörung, die ebenfalls in Kehlmans Roman erwähnt wird. Hier hat sie die Funktion, dass der Jesuit Tesimond aus England fliehen muss, weil er vermutlich an dieser Verschwörung beteiligt war. Fanatische Katholiken hatten versucht, das Parlament in London am Tag der Eröffnung in die Luft zu sprengen, mit Hilfe unterirdisch deponierten Schwarzpulvers.  Der berühmte Gun Powder Plot wird bis heute immer wieder zitiert und gespiegelt. In der modernen Serie „Sherlock“ beim britischen Sender BBC gibt es eine Folge, in der ein Terrorist ebenfalls versucht, das Britische Parlament zu sprengen. Und noch populärer: in der Fantasy-Serie Game of Thrones wird ein ganzes Heiligtum, in dem eine mächtig gewordene Sekte ihren Gerichtstag hält, durch unterirdisch deponierten Sprengstoff spektakulär in die Luft gejagt. Sicher, das hat jetzt nichts mit Kehlmanns Roman zu tun, aber es erläutert, wie postmoderne Werke funktionieren: durch Zitate. Und Zitate sind nicht Wirklichkeit und DIE Wirklichkeit hat es nicht gegeben und darum muss ein Tyll Uhlenspiegel den Dreißigjährigen Krieg für uns reflektieren und brechen.

Denn der Krieg und seine Auswirkungen sind nur schwer in Worte zu fassen. Was der Krieg mit der Landschaft und den Menschen macht, kann unmöglich je in Worte gefasst werden, die Wirklichkeit exakt abbilden. Und so bleiben nur Derbheit und schwarzer Humor.

„Nur waren die in einen Haufen Scheiße gefallen und hatten überlebt. Unter Schlossfenstern gab es immer viel Scheiße, das lag an all den Nachttöpfen, die täglich geleert wurden. Das Dumme war bloß, dass daraufhin im ganzen Land die Jesuiten predigten, ein Engel habe die Statthalter aufgefangen und sanft zu Boden gesetzt.“ (S. 259 – zum Prager Fenstersturz)

Der Krieg ist bei Kehlmann vor allem ein ausuferndes Geruchspanorama aus Scheiße und Blut. Scheiße und Verwesung formen jetzt die Landschaften, wo vorher Bäume und Brunnen und Felder und Siedlungen waren. Und das trifft es genau, so unschön es auch ist. Es gibt eine Figur im Roman, die keine Stimme hat und doch ist sie präsent. Der allgegenwärtige Tod. Er wird zur Selbstverständlichkeit und nur der Narr wehrt sich gegen ihn. Und deshalb ist es auch der Narr, der den Krieg überdauert. Ich sterbe nicht, sagt Tyll. Und er stirbt auch nicht. Der Narr stirbt nie, denn die Narretei stirbt nie.

Es ist müßig, all die interessanten, historischen Figuren in Kehlmanns Roman in ihrer jeweiligen Funktion zu beschreiben. Jede hat ihren Platz und im Ganzen spiegeln sie alle Stände der Frühen Neuzeit wieder. Der Henker, den man nicht anfassen darf. Der Söldner, dem das Töten nichts mehr bedeutet, der aber selbst Angst vor dem Sterben hat. Der Gelehrte, der die Welt erfassen und ergründen will. Der fanatische Jesuit. Der Dichter, der sich nicht mehr dem Lateinischen zuwendet, sondern in deutscher Sprache schreiben will – eine deutsche Kulturnation bildet sich heraus, noch ehe die einzelnen Fürstentümer auch nur in feuchten Träumen daran denken, einen festgefügten Staat zu bilden. Große Männer, die um Vorrang kämpfen. Ein Konfessionsstreit, der längst nichts mehr mit dem Kampf um rechten Glauben zu schaffen hat. Ein Krieg, der scheinbar um seiner selbst willen geführt wird und der sich immer weniger finanzieren lässt. Zurück bleibt ein leergeblutetes Land. Es gibt Menschen, die geboren werden, leben und sterben, ohne je den Frieden gekannt zu haben. Das ist düster und bedrückend und so wird es auch beschrieben. Trotzdem tanzt Kehlmanns Narr Tyll Uhlenspiegel hoch oben auf dem Seil und lacht. Und wir lachen mit ihm, obwohl die Welt doch voller Scheiße ist, die sich unter den Fenstern mächtiger Männer zusammengebraut hat. Denn was bleibt einem Narren und Künstler denn anderes übrig, als mit der Wirklichkeit zu spielen, ein Spiegel zu sein und der Welt etwas zum Vergnügen zu schenken?

Genau das erfüllt Daniel Kehlmanns Roman. Und er tut es bestens. Zumindest wird es nie langweilig. Die Erzählung ist ein Ineinander von Chronologie, Rückblende, Vorausschau und Panorama, Draufsicht und Innensicht. Dabei ist die Sprache kraftvoll und einfach. Es wird nie zu kompliziert, es geht zuweilen derbe einher, aber doch scheint Poesie hindurch. Ein großartiges Spiel, eine intelligente Narretei, ein Spiegel nie stattgefundener Wirklichkeit. Ein Bild aus Düsternis und Lachen. Ein Totentanz mit Narr.

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