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Ein fühlbarer Gradmesser im Zwischenmenschlichen

21 Aug

Ein fühlbarer Gradmesser im Zwischenmenschlichen

 

Buchbesprechung zu:

Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Von Axel Hacke

Verlag Antje Kunstmann, 2017

189 Seiten (kleinformatig)

Bekannt ist Axel Hacke den meisten vor allem durch seine Kolumnen im Süddeutsche Zeitung Magazin und mehr noch durch die wunderbaren Texte über „Verhörer“, die sich im Reich des weißen Negers Wumbaba tummeln. Doch Herr Hacke ist mitnichten nur ein witziger Zeitgenosse, der mit humorigen Randbemerkungen unseren wirren Alltag kommentiert. Er ist auch, wie man dem neuen, kleinen Büchlein aus dem Kunstmann Verlag entnehmen kann, ein belesener Denker und seine klugen Bemerkungen und sein feinsinniger Humor kommen eben nicht aus der Leere.

Fast eine Art Essay über den Begriff Anstand und seine Bedeutung könnte man dieses Buch nennen. Oder ist es doch eher eine sehr erweiterte, nachdenkliche Kolumne, gestreckt auf die 182 Oktav-Seiten Text? Ein Buch im handlichen Format für die Westentasche oder wahlweise Handtasche, zum Mitnehmen eben. Für Zwischendurch, nicht kompliziert, aber mit Tiefgang. Eine Art Trostbuch. Eine Alltags-Ermahnung. So oder so ähnlich ist es wohl gedacht.

Wie nun nähert Herr Hacke sich dem „verstaubten“ Begriff des Anstands? Er verbindet eine Hand voll Kerngedanken dazu wie Perlen auf einer Schnur. Sie ergeben also eine runde Sache, aber bieten keine endgültige Lösung. Gespräche mit einem – imaginären oder echten? – Freund kommentieren die einzelnen Gedankenabschnitte, lockern sie auf, brechen die Ansätze aus Philosophie, Soziologie, Anthropologie und Weltliteratur herunter auf den kruden Alltag, auf den es letztlich doch so sehr ankommt.

Es kommt darauf an, sich anständig zu verhalten, wenn das Zwischenmenschliche gelingen soll. Und daher die Frage, was genau ist Anstand, dieser „weiche“ Wert, wie Hacke einen seiner Leser zitiert? Wie ist Anstand zu verstehen, was beinhaltet die Praxis des Anstands und entspricht dieses dumpfe Gefühl, dass der Anstand in unserer Zeit verloren geht, den Tatsachen? Treffen Gefühl und Wahrheit im Alltag zusammen und lassen sich durch ruhige Spiegelung an der Vernunft zu angemessenem, anständigem Verhalten umsetzen? Ist diese Fähigkeit den meisten abhandengekommen oder schlummert diese Ahnung von dem, was anständig ist, als eine Art Grundgefühl in uns allen? Man weiß, was richtig ist. Warum handelt der Mensch nicht danach und welche Rolle spielen die sogenannten „Sozialen Netzwerke“ dabei? Sind sie ein Spiegel dessen, was immer schon an Abgründen im Menschen geschlummert hat und bringen sie es einfach nur zu Vorschein, uns schockierend und erschreckend? Oder befördern sie negative Tendenzen durch Vereinzelung der Nutzer und die Zusammenfassung derselben in geschlossenen Blasen, in denen nur Gleichgesinnte einander begegnen und eine eigene Welt erzeugen, aus der alle anderen ausgeschlossen sind? Ist es beides? Überwiegt der Anstand trotz allem? Gibt es Hoffnung?

Solche drängend aktuellen Fragen wirft Axel Hackes Büchlein auf. Dabei werden die Fragen nicht letztgültig beantwortet, sondern mögliche Richtungen und Tendenzen beleuchtet. Wunderbar illustriert durch treffende Zitate aus klassischer und moderner Literatur. Ein Ringen um die Antwort. Und dabei gefällt mir persönlich Herrn Hackes Quintessenz über das Wesen des Menschen. Er schlägt sich nicht auf die Seite derer, die behaupten, der Mensch ist in sich gut und nur die Umstände verderben ihn. Aber er sagt auch nicht, der Mensch ist abgrundtief schlecht und alle Hoffnung ist verloren. Er wählt den ruhigen, ja „anständigen“ Weg. Der Mensch ist nicht gut, aber er kann besser werden. Und jeder für sich selbst ist verantwortlich dafür, sein Verhalten und seine Äußerungen im Zwischenmenschlichen zu überdenken und zu verbessern. Der Mensch hat das Potential dazu. Er hat ein Gefühl für das, was angemessen ist. Das wunderbare Wort „Herzensbildung“ fällt. Und dem kann ich zustimmen. Herzensbildung ist das, was der Mensch nötig hat.

Und natürlich ein wenig Mut. Mut zu sagen, was man denkt und für richtig hält, ohne dem anderen das Recht abzusprechen, eigene Gedanken und Befindlichkeiten zu haben, die ich genauso ernst nehmen muss. Es geht gerade nicht um Moral. Es geht um die Gefahr einer Gewöhnung an einen rauen Grundton in der Gesellschaft, der wir begegnen müssen. Die Angst der Menschen ist real und muss ernst genommen werden. Die Suche nach Halt in einer komplizierten Welt ist zunächst eine Art natürlicher Reflex. Und wenn man Menschen, die sich in gemeinsamer Angst und Unverstandenheit zu einer geschlossenen Gruppe zusammen finden, nicht ernst nimmt, dann entsteht Radikalisierung. Dann gilt der Anstand nur noch innerhalb dieser Gruppe, gegen die Mitglieder und Gleichgesinnten. Nach außen wird das Eigene durch Hass und Gewalt verteidigt. Das ist ein Prozess an vielen Orten in der Welt. Und noch überwiegen die Anständigen, jene, die auch nach außen anständig sind. Aber sie sind leise, manchmal zu leise. Doch sie sind mehr. Und sie können dagegen halten. Mit Geduld, Ruhe, Vernunft. Den anderen versuchen zu verstehen, ihn zu gewinnen suchen. Daran appellieren, dass wir im Grunde doch dasselbe wollen, dasselbe Grundgefühl von Anstand und anständigem Zusammenleben haben.

Der Verlust der kleinen, überschaubaren Gemeinschaft, in der jeder gebraucht wird und einen Nutzen hat, ist ernst zu nehmen. Globalisierung und Entgrenzung überfordert viele. Der Anstand ist aber der Kitt, der die Gesellschaft zusammen hält und vielleicht ist die Gegenwart nicht so düster wie unser dumpfes Gefühl es uns sagen will? Vielleicht schafft der Anstand es, sich gegen all das Grobe durchzusetzen?

Axel Hackes Buch regt zum Nachdenken an. Es deckt die eigenen, dunklen Stellen im Gemüt auf und es ist weniger eine Ermahnung als vielmehr ein positiver Anstoß, die Richtung beizubehalten, anständig zu bleiben und überlegt zu leben und zu handeln, ohne hysterisch zu werden. Eine Lektüre ist lohnenswert. Es ist ein Buch, das man gut und gerne weitergeben und verschenken kann. Vielleicht auch gerade an diejenigen, die Angst haben, wenn sie die Vorgänge in den Sozialen Netzwerken beobachten. Ich persönlich bin immer dafür, die Ruhe zu bewahren und Hysterie zu vermeiden. Darum stimme ich Herrn Hacke zu und empfehle sein Buch wärmstens für eine kurze, nachdenkliche Ermunterung.

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